| 07.01 Uhr

Berlin
Berliner Politiker komponieren Schlager über Flüchtlingskrise

Berlin. Während sich in Berlin vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) täglich dramatische Szenen unter den unversorgten Flüchtlingen abspielen, haben vier Landespolitiker und ein Unterhaltungskünstler einen Schlager zur Flüchtlingskrise produziert. Wer den Begriff Gutmensch bislang als Schimpfwort nutzte, hat nun einen Song und ein Video dazu. "Und sie suchen nach dem Morgen", heißt das Lied, das die vier Abgeordneten von Grünen, Linken und den Piraten sowie der Unterhaltungskünstler Donato Plögert singen. Von Eva Quadbeck

Die Aktion ist gut gemeint. "Wir wollen zwei Gruppen erreichen: die Menschen, die sich schon jetzt für Flüchtlinge einsetzen, und auch jene, die noch schwanken zwischen Ablehnung und Befürwortung", sagte einer der Interpreten, Thomas Birk von den Grünen, dem Berliner "Tagesspiegel". Ihre Einnahmen spenden die Sänger. Viel ist es nicht: 305 Euro sind bislang an den Chor "Berliner singen mit Flüchtlingen" gegangen, wie die Internetseite des Piraten-Politikers Fabio Reinhardt ausweist. Wie häufig zeigt sich auch in diesem Fall, dass "gut gemeint" das Gegenteil von "gut" sein kann.

Das Video, das unter "Five 4 Refugees" auf dem Internet-Videokanal Youtube abrufbar ist, erhielt bis gestern Nachmittag gut 61.000 Zugriffe. Es wurde in einem unordentlich wirkenden Büroraum mit zugezogenen Vorhängen gedreht. Zwischen den einzelnen Songzeilen wie "Menschen treiben auf dem Meer / Ihre Hoffnung ist das Ufer" oder "Denn sie flieh'n aus ihrer Heimat / Vor Gewalt und Glaubenskrieg" werden amateurhaft Bilder von Flüchtlingen eingeblendet. Die Szenerie wirkt absurd - wie Fahrstuhlmusik als Unterleger für eine Trauerrede.

Die Melodie des Liedes ist eingängig, ein typischer Schlager, geschrieben von Christian Bruhn, der auch Ohrwürmer wie "Marmor, Stein und Eisen bricht" oder "Wärst du doch in Düsseldorf geblieben" komponiert hat. Wäre er doch im leichten Fach geblieben. Die Kombi aus Schlager und Elend lässt den Betrachter peinlich berührt zurück. Jene, die sich für Flüchtlinge engagieren, wird es von guten Taten wahrscheinlich nicht abbringen. Wer zweifelt, ob die Gesellschaft die Aufnahme so vieler Menschen aus anderen Ländern bewältigen kann, wird sich von der heiter vertonten Moralkeule eher abgestoßen fühlen.

Gerade Berlin ist mit dem Andrang von bislang rund 58.000 Flüchtlingen hoffnungslos überfordert. Täglich kommt es unter den auf ihre Registrierung wartenden Flüchtlingen zu Rangeleien, weil die Beamten nicht nachkommen. Während etliche Initiativen weiter "Willkommen" rufen, sitzen die Neuankömmlinge unversorgt auf der Straße.

In Bayern ist es genau umgekehrt: Dort poltern die CSU-Politiker gegen den übermäßigen Zustrom. Zugleich werden die Flüchtlinge glänzend versorgt und nach maßgeschneiderten Konzepten integriert. Gezielt handeln ist sicher besser, als den Leuten mit der Moralkeule eins auf die Ohren zu geben.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Berlin: Berliner Politiker komponieren Schlager über Flüchtlingskrise


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.