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Düsseldorf
Bilder aus der Kreidezeit

Düsseldorf. Klassenzimmer im Wandel der Zeit: Wie Fotos unserer Leser aus verschiedenen Jahrzehnten zeigen, sind die Lernorte auch immer ein Spiegel der Gesellschaft.

"Eine liebliche Stätte" solle die Schule sein, forderte schon vor fast 400 Jahren Pädagogik-Pionier Johann Amos Comenius (1592-1670), "innen und außen eine Augenweide." Die Räume sollten nach Altersklassen getrennt und ihre Wände "mit Auszügen aus Büchern, Bildern und Zeichnungen" versehen werden. Erhört wurde er nur selten. Maria Montessori beschrieb Schulen 1909 als kasernenartige "Stätten größter Trostlosigkeit" mit "kahlen einförmigen Klassenzimmern".

Die von ihr und anderen Reformpädagogen mühsam errungenen Fortschritte wurden unter dem NS-Regime zurückgedreht, mehr denn je bekam der Unterricht militärischen Charakter. Auch in der jungen Bundesrepublik blieben Disziplin und absoluter Gehorsam, Fleiß und Ordnung noch jahrzehntelang die entscheidenden Erziehungsziele.

Kreativität und Mitdenken, Freude am Experimentieren und Entdecken? Unerwünscht. Die Gestaltung der Klassenräume habe diese Atmosphäre "begünstigt, wenn nicht gar mitverursacht", kritisiert Architekturpsychologin Dr. Rotraut Walden von der Universität Koblenz und Autorin des Buchs "Schulen der Zukunft". Heute sind die erhöhten Lehrerpulte längst abgebaut, Frontalunterricht wechselt vielerorts mit Gruppenarbeiten, Referaten, Rollenspielen. Aber auch heute leiden Schüler wie Lehrer unter veralteter Technik, Platzmangel und billiger Bausubstanz, zu viel Lärm, zu wenig oder zu kaltem Neonlicht.

Rotraut Walden blickt neidisch nach Skandinavien, wo Lehrer und Schüler häufig an den Schulneubauten mitwirken. Dort bewahrheitet sich, was Christian Morgenstern 1906 schrieb: Die "Würde und Freiheit von Gedanken" sei oft abhängig von scheinbaren Details wie "einer beglückenden Fensteraussicht, einem gewissen Maß von Licht und Farbe".

(tojo)
 
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