Neues Selbstmordattentat in Israel: Blutbad in Jerusalemer Bus
zuletzt aktualisiert: 18.06.2002 - 15:47Jerusalem (rpo). In Jerusalem hat es am Dienstag ein neues Selbstmordattentat auf einen Bus gegeben. Der Bus war im Berufsverkehr unterwegs.
Der bisher schwerste palästinensische Selbstmordanschlag auf einen israelischen Linienbus hat am Dienstag die internationalen Bemühungen um eine diplomatische Lösung des Nahostkonflikts in Frage gestellt. Ein Palästinenser zündete am Morgen in einem mit vielen Schülern besetzten Linienbus im Süden Jerusalems eine schwere Bombe. Durch die gewaltige Explosion wurden 17 Israelis und der Attentäter auf der Stelle getötet und 50 Passagiere verletzt. Zwei Opfer starben später im Krankenhaus.
Erst vor knapp zwei Wochen waren bei einem Autobomben-Anschlag auf einen Linienbus bei Megiddo in Nord-Israel 17 Israelis und der Attentäter getötet worden.
Zu der Tat am Dienstag bekannte sich die radikale Hamas- Organisation. Die Palästinensische Autonomiebehörde verurteilte den Anschlag. Die israelische Regierung kündigte nach intensiven Beratungen eine "Reaktion" auf den Anschlag an. Außenminister Schimon Peres kehrte vorzeitig von einer Auslandsreise zurück. Verteidigungsminister Benjamin Ben-Elieser ordnete noch am Dienstag den schnellen Bau eines Sperrzaunes um Teile Jerusalems an.
Die internationale Gemeinschaft reagierte mit Empörung. Bundesaußenminister Joschka Fischer meinte, die Tat sei "durch nichts zu rechtfertigen" und ein weiterer Versuch, die Chance auf politische Lösungsansätze zu zerstören, die sich durch die internationalen politischen Bemühungen der vergangenen Wochen aufgetan hätten. Fischer forderte, die Anstrengungen weiterhin auf eine internationale Nahost-Konferenz zu richten.
Der EU-Ratspräsident Josep Pique nannte die Täter in einer in Brüssel herausgegebenen Erklärung "Feinde des Friedens und des palästinensischen Volkes". Der Beauftragte für die gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der EU, Javier Solana, zeigte sich "erschüttert". Der Konflikt sei nur zu beenden, wenn "beide Seiten Mut und Weitsicht" bewiesen.
Der Selbstmordattentäter, der aus einem Flüchtlingslager nahe Nablus im Westjordanland stammte, zündete die Bombe gegen 7 Uhr auf einer belebten Kreuzung in Katamon, einem Jerusalemer Vorort. Durch die Wucht der Explosion wurde das Dach des Busses völlig aufgerissen. Auch ein auf der Kreuzung stehendes Auto wurde zerstört. Nach entsprechenden Hinweisen der Geheimdienste hatte die israelische Polizei bereits am Montagabend Großalarm im Stadtgebiet von Jerusalem ausgelöst und versucht, den Täter durch Straßensperren abzufangen. Verteidigungsminister Ben-Elieser hatte zuvor gewarnt, dass mindestens fünf Palästinenser Selbstmordanschläge in Israel planten.
Der israelische Ministerpräsident Ariel Scharon traf kurz nach dem Anschlag am Tatort ein, wo die getöteten Israelis zugedeckt auf Bahren lagen. Angesichts der neuen Gewalt drückte er seine Empörung über die jüngsten Forderungen der Palästinenser nach einem unabhängigen Staat aus: "Ich frage mich, was für eine Art Staat wollen die Palästinenser eigentlich schaffen?", sagte er vor Journalisten.
Der Anschlag ereignete sich am Vorabend einer mit Spannung erwarteten Erklärung von US-Präsident George W. Bush, in der er nach eigenen Angaben Leitlinien Washingtons für eine Beendigung des Nahostkonflikts darlegen will. Ob Bush die Erklärung angesichts des neuen Anschlags verschiebt, war zunächst nicht abzusehen. In Israel wird erwartet, dass der Präsident seine Vorstellungen von einem unabhängigen Palästinenserstaat und die Forderungen nach Reformen innerhalb der Palästinensischen Autonomiebehörde präsentieren wird. Scharon hat wiederholt Verhandlungen ausgeschlossen, so lange die Gewalt andauert.
Ein Berater von Palästinenserführer Jassir Arafat drängte Bush Stunden nach dem Anschlag von Jerusalem, der raschen Ausrufung eines Palästinenserstaates zuzustimmen. Wie die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa mitteilte, "beschwor" Nabil Abu Rudeineh Bush, einen Palästinenserstaates zu proklamieren und internationale Truppen zur Überwachung der Grenze zu entsenden. Außerdem sei die Rückkehr zu Verhandlungen der einzige Weg für Sicherheit und Stabilität in der Region.
Zuvor hatte die Autonomiebehörde den Selbstmordanschlag offiziell verurteilt. Informationsminister Jassir Abed Rabbo meinte in Ramallah, die Tat diene lediglich "den aggressiven Plänen von (Israels Ministerpräsident) Ariel Scharon". Kommunalminister Sajeb Erekat verurteilte die Tat, meinte jedoch, die Palästinenserführung sei dafür nicht verantwortlich zu machen, weil Israel die Sicherheitsstrukturen der Palästinenser zerstört habe.
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