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Bagdad
Blutige Anschläge statt Waffenruhe in Syrien

Bagdad. Auch die Bombardements gehen unvermindert weiter. US-Außenminister Kerry sieht dennoch Chancen für eine Feuerpause. Von Birgit Svensson

Eine Feuerpause sieht anders aus. Anstatt der Waffenruhe, die am Wochenende in Syrien hätte in Kraft treten sollen, explodierten gestern zwei Autobomben in Homs. Zudem wurden weiter Luftangriffe auf Aleppo geflogen. Keine Seite denkt daran, sich an die Abmachung von München bei der Sicherheitskonferenz vor einer Woche zu halten. Die Explosionen in Homs ereigneten sich in dem vor allem von der religiösen Minderheit der Alawiten bewohnten Viertel Al-Zahra, zu der auch der syrische Präsident Baschar al-Assad gehört. Beobachter sprechen von einem der größten Anschläge auf die regierungsnahe religiöse Minderheit seit Beginn des Syrienkrieges vor fünf Jahren. 57 Menschen sollen getötet, über 100 verletzt worden sein. Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) bekannte sich in zunächst nicht überprüfbaren Online-Botschaften zu den Taten. Weitere Explosionen ereigneten sich in der Hauptstadt Damaskus. Menschenrechtsaktivisten sprechen von insgesamt mehr als 120 Toten in Syrien an diesem Wochenende.

Die einstige Rebellenhochburg Homs wird inzwischen größtenteils von syrischen Regierungstruppen kontrolliert. In Aleppo ist es umgekehrt. Dort versuchen die Truppen Assads wieder Fuß zu fassen. Mit Hilfe russischer Luftangriffe haben sie in den letzten Tagen viel Boden gutgemacht. Unvermindert gehen die Bombardements weiter.

Doch die Bemühungen auf politischer Ebene gehen weiter. Die Feuerpause könnte in den nächsten Tagen beginnen, heißt es aus der jordanischen Hauptstadt Amman. Dort ist US-Außenminister John Kerry und hat mit seinem russischen Kollegen Sergej Lawrow telefoniert. Eine "grundsätzliche vorläufige Einigung über eine Einstellung der Kampfhandlungen" sei dabei herausgekommen, sagte der amerikanische Außenminister, "wir sind näher an einer Waffenruhe als je zuvor."

Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg: Assad will nur zustimmen, wenn die "Terroristen" die Waffenruhe nicht ausnutzen, um ihre Stellungen zu verbessern. Außerdem müssten andere Länder, vor allem die Türkei, aufhören, die Aufständischen mit Waffen und anderer logistischer Hilfe zu unterstützen. Als "Terroristen'" bezeichnet der Diktator in Damaskus schon seit Beginn des Aufstandes gegen ihn alle, die sich beteiligen: mehr als die Hälfte der syrischen Bevölkerung.

Bislang sind alle Versuche, eine Waffenruhe im vom Bürgerkrieg zerrissenen Land auszuhandeln, gescheitert. Stattdessen dreht sich die Spirale der Gewalt immer schneller. Aus zunächst friedlichen Demonstrationen ist ein komplexer Krieg erwachsen. Nicht nur aus der Luft greifen mittlerweile bis zu 40 Länder Ziele in Syrien und auch im Irak an.

Auch am Boden sind immer mehr Truppen der verschiedensten Nationen im Einsatz. Die iranischen Al-Quds-Brigaden kämpfen schon seit Langem an der Seite Assads, genauso wie die libanesische Hisbollah und Mitglieder der Schiitenmilizen aus dem Irak. Nun sollen sogar bereits auch russische Soldaten zum Einsatz kommen trotz entgegengesetzter Beteuerungen von Russlands Präsident Wladimir Putin. Das legen Aufnahmen nahe, die das Moskauer Conflict-Intelligence-Team ausgewertet hat, ein Verbund russischer Internetaktivisten. Eines der Videos zeigt einen russisch sprechenden Offizier, der die Gefechte beobachtet, die offenbar in der Provinz Latakia nahe der Grenze zur Türkei im Gange sind.

So warnt denn auch Assad vor allem die Türkei vor der Unterstützung der Regimegegner. Denn zusammen mit Saudi-Arabien und den Emiraten haben die Türken ihren Willen bekundet, in Kürze direkt ins Kriegsgeschehen eingreifen zu wollen und ebenfalls Bodentruppen zum Einsatz zu bringen. Von Anfang an hatte sich der türkische Staatspräsident auf die Seite der Rebellen und gegen Assad gestellt, was ihm jetzt den Vorwurf einbringt, die Entwicklung der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) toleriert zu haben.

Eine Nichtregierungsorganisation aus London veröffentlicht nun erschreckende Zahlen: 11,5 Prozent der syrischen Bevölkerung seien bereits getötet oder verletzt worden. Auch der Reichtum des Landes und die Infrastruktur seien "beinahe ausgelöscht", heißt es in der Studie des Syrian Centre for Policy Research (SCPR).

Bei den Vereinten Nationen war bisher die Rede von rund 250.000 Todesopfern. SCPR gibt die Zahl nun mit 470.000 fast doppelt so hoch an. Der Großteil starb demnach an direkten Kriegsfolgen, etwa 70.000 Menschen erlagen ihren Verletzungen wegen mangelnder medizinischer Versorgung oder verhungerten.

Quelle: RP
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