Neuer Gigant hat Platz für bis zu 660 Passagiere: Boeing 747-400X Stretch macht Airbus Konkurrenz
zuletzt aktualisiert: 29.12.2000 - 21:45Seattle/Everett (dpa). Europas Flugzeug-Riese Airbus A380 hat «Grünes Licht» bekommen - die Antwort der Amerikaner heißt Boeing 747- 400X Stretch.
Der neue Gigant aus dem Everett, eine Stunde nördlich von Seattle gelegen, soll schon knapp zwei Jahre früher flügge sein als die mächtige doppelstöckige A380, die ab 2006 im Liniendienst eingesetzt werden soll. Der neue Jumbo soll weniger kosten und auch im Unterhalt preisgünstiger sein als Europas «Jet des 21. Jahrhunderts».
Ursprünglich hatte der Marktführer die Idee für einen Super-Jet vor zwei Jahren wieder in die Schublade gepackt, weil er damals keinen geeigneten Markt für derartige Jets sah. Jedenfalls erklärte das Boeing. Erst unter dem Eindruck, dass sich Airbus nicht von seinem ehrgeizigen Vorhaben abbringen ließ und seine Bemühungen in Form von genügend Aufträgen schneller als erwartet von Erfolg gekrönt sah, kramten die Amerikaner ihre alten Pläne wieder hervor.
Der neue 80,55 Meter lange Boeing-Riese soll 14 000 bis 14 450 Kilometer weit fliegen können, 504 bis 660 Passagieren Platz bieten, 0,86 Mach schnell sein und eine Spannweite von 69,77 Metern haben. Extreme Städteverbindungen a la New York - Hongkong oder Singapur - London mit einer Flugzeit von rund 16 Stunden sind für ihn kein Problem. Die etwas kleinere, aber noch leistungsstärkere Version Boeing 747-400X für 430 bis 442 Passagiere mit einer Länge von 73,47 und einer Spannweite von 69,77 Metern soll sogar 16 315 bis 16 640 in 18 Stunden nonstop bewältigen können. Also Distanzen wie Singapur - Chicago, New York - Kuala Lumpur oder Los Angeles - Singapur.
«Dieses Flugzeug wird alle anderen Jets in punkto Wirtschaftlichkeit und Sitzmeilen-Kosten übertreffen. Das gilt auch für die Frachtversion 747-400X Stretch. Vor allem wird diese neue 747- Generation extrem leicht sein und ein maximales Abfluggewicht von nur 473 Tonnen haben, was wesentlich zur Kostenreduzierung beiträgt», prophezeit Boeing-Vizepräsident Randolph Baseler. Die neue 747-400X- Familie werde den Airbus A380 noch um drei bis fünf Prozent in den letztlich entscheidenden Sitzmeilenkosten unterbieten. Bei den Frachtern würden die Kosten pro Tonnen-Meile sogar noch um zwölf Prozent besser sein als beim A380-Frachter. «Kein Flugzeug wird so weit fliegen können wie die 747-400X. 700 Nautische Meilen weiter als der Airbus A380. Außerdem werden die neuen 747-400X mit 0,86 Mach schneller sein als alle anderen Verkehrsflugzeuge.»
Für den Airbus A380 werden Mach 0,844 erwartet. Die Lärm- Emissionen sollen gar um 28 Prozent unter denen der heutigen Jumbo- Generation liegen. Für den Airbus A380 liegen immerhin schon 50 Festbestellungen und 42 Optionen vor - Boeing erwartet die ersten Aufträge für seine neuen Giganten erst im nächsten halben Jahr, wie Baseler jüngst in Seattle erklärte. Dass die Europäer bei Bestellungen derzeit die Nase vorn haben, führt die Branche vorrangig auf zwei wichtige Faktoren zurück: Beim Airbus A380 handelte es sich um eine gänzlich neue Entwicklung, während die 747-400X «nur» die wesentlich kostengünstigere Weiterentwicklung - die Rede ist von etwa fünf Milliarden Dollar Entwicklungskosten - einer seit über drei Jahrzehnten erfolgreichen Flugzeugfamilie darstellt.
Dementsprechend wollen die Amerikaner schon 2004 den Erstflug durchführen und Ende 2005 die ersten Riesen ausliefern. Wahrscheinlich werden in Everett angesichts des stürmisch wachsenden Luftfrachtverkehrs zuerst 747-400X-Frachter flügge werden. Airbus kann zudem mit Nachdruck auf die bewährte, extrem kundenfreundliche Kommunalität seiner Flugzeuge verweisen: Die Cockpits von der A320- Familie über die A340/330 bis zur A380 gleichen sich weitgehend und sind von allen Piloten ohne große Umschulungsprozesse und -kosten zu fliegen.
Die gängige Behauptung, die Nordamerikaner würden der A380 die kalte Schulter zeigen, weil sie vorrangig «national» ordern, stimmt nicht. Schon der Jumbo wurde vor allem weltweit geordert und weniger in den USA; von den großen Passagier-Fluggesellschaften der USA haben nur United Air Lines und Northwest Jumbos. Nur 3,9 Prozent des weltweiten 747-Verkehrs finden innerhalb der USA statt, aber 30,8 Prozent allein in Fernost, 12,4 zwischen Europa und Fernost und 12,3 Prozent zwischen den USA und Fernost.
Unter den 20 führenden 747-Kunden befinden sich allein neun asiatische Fluggesellschaften. Japan Air Lines mit 79 und British Airways mit 73 Jumbos betreiben heute die mit Abstand größten 747- Flotten. Die Lufthansa hat 34 Jumbos im Einsatz; dazu kommen noch acht 747-Frachter. Das Bild wird künftig ähnlich sein: Der wichtigste Markt für alle «Fliegenden Schiffe» der Zukunft werden weiterhin vor allem der Ferne Osten und der pazifische Raum sein.
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