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Brexit-Anführer will kein Premier werden
Boris Johnson überlässt sein Chaos anderen

Brexit - Reaktionen in Bildern
Brexit - Reaktionen in Bildern FOTO: dpa
Meinung | Düsseldorf. Es ist vermutlich die politische Blamage des Jahrzehnts: Boris Johnson, der Mann, dem das Lager der Brexit-Befürworter seinen Sieg beim Austrittsreferendum verdankt, will nicht die Nachfolge von David Cameron als britischer Premierminister antreten. Er kneift. Von Matthias Beermann

Er will nicht die politische Verantwortung dafür übernehmen, was er angerichtet hat. Das sollte jenen zu denken geben, die für den EU-Austritt Großbritanniens gestimmt haben.

Es war David Cameron, der seinen Rivalen Johnson noch in der Niederlage ausmanövriert hat, indem er sich weigerte, sofort die Scheidung von der EU einzureichen. Was immer "Boris" danach auch tun mochte, er hatte schon verloren. Hätte er sich um den Parteivorsitz der Konservativen beworben und den formellen EU-Austritt seines Landes nach Artikel 50 des EU-Vertrags erklärt, wäre er vermutlich als Totengräber des Vereinigten Königreichs in die Geschichtsbücher eingegangen, weil die Schotten allem Anschein nach um jeden Preis in der EU bleiben wollen.

Wäre er als Premier jedoch davor zurückgezuckt, hätte ihn seine euroskeptische Anhängerschaft politisch gelyncht. Johnson hat jetzt die dritte Option gewählt und lieber gleich das Handtuch geworfen.

Politische Verantwortungslosigkeit

Seit Tagen wird in Kontinentaleuropa quer durch die politischen Lager gegen Cameron gewütet, weil er angeblich nicht den Mumm hat, die Konsequenzen aus dem von ihm angezettelten Referendum zu ziehen. Dabei hat der Mann vielleicht nur versucht, das Schlimmste vorerst zu verhindern. Nun ist es Cameron auch noch gelungen, seinen Landsleuten zu beweisen, mit welcher Leichtfertigkeit man sie zum Austrittsvotum verführt hat. Denn nichts anderes belegt ja Johnsons Rückzieher: Völlige politische Verantwortungslosigkeit.

Damit bekommt aber auch ein Szenario wieder mehr Plausibilität, das man unter dem Eindruck des historischen Bruchs auf beiden Seiten des Ärmelkanals zunächst vorschnell vom Tisch gefegt hat: Ein Rücktritt vom Austritt. Das wird nicht leicht, aber es ist möglich. Am saubersten wären vorgezogene Neuwahlen, dann könnte ein neues Parlament mit einem frischen Votum des Volkes im Rücken über die Frage des Brexit entscheiden.

Ob es dazu oder einer anderen Lösung kommt, ist offen. Sicher aber ist, dass die Briten dafür jetzt etwas Zeit benötigen. Die sollten wir ihnen geben.

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