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Boston
Eine Niete in der Lotterie des Lebens

Dschochar Zarnajew vor Gericht in Boston
Dschochar Zarnajew vor Gericht in Boston FOTO: ap, Margaret Small
Boston. Der Prozess gegen den Bombenleger des Boston-Marathons hat begonnen. Für die Opfer ist er so etwas wie eine kollektive Therapie. Von Frank Herrmann

Wenn Jessica Kensky im Zeugenstand sitzt, wirkt sie bisweilen wie eine Motivationstrainerin, die ein deprimiertes Publikum aufzurichten versucht. Sie lacht, verbreitet demonstrativ gute Laune. Launig erzählt sie von der winzigen Wohnung am Harvard Square, direkt neben der Uni gleichen Namens, die sie sich mit ihrem Mann Patrick teilte. "Man musste schon sehr verliebt sein, um es miteinander auszuhalten in dieser Enge."

Kenskys Beine sind beide amputiert, sie fährt im Rollstuhl in den Saal 9 des John-Joseph-Moakley-Bundesgerichts. Eine Stunde lang sagt sie dort aus, im dritten Stock einer verklinkerten Festung am Wasser, vor der Heerscharen schwer bewaffneter Polizisten Patrouille laufen und die von Küstenschutzbooten zum Atlantik hin abgesichert werden. Kensky ist nicht die Einzige, die Prothesen trägt, seit am 15. April 2013 an der Marathonstrecke in Boston zwei mit Sprengstoff und Nägeln gefüllte Schnellkochtöpfe in die Luft gingen. Aber sie ist die Einzige, die dieses Schicksal mit ihrem Ehepartner teilt. Auch Patrick Downes hat sein linkes Bein vom Knie abwärts verloren.

Glück im Unglück, trösten Fremde, zumindest verstehe der eine genau, wie sich der andere fühle. Besser so als einer behindert und einer gesund. Ungefähr 20 Mal, sagt Kensky, habe sie in knapp zwei Jahren auf dem Operationstisch gelegen, anfangs niedergeschlagen, dann Hoffnung schöpfend, dann erneut niedergeschlagen.

Ihr linkes Bein, erzählt Kensky, wurde kurz nach der Explosion amputiert. Solange sie das rechte noch hatte, sagten die Leute, nimm's nicht so schwer, du hast ja noch das andere. "Aber wenn du beide einbüßt, dann bist du wirklich Invalide. Es war ein Schlag in die Magengrube. Es hat mir das Herz zerrissen."

Im Januar, 21 Monate nach dem Attentat, gaben die Ärzte die Hoffnung auf, ihr rechtes Bein retten zu können. Am Tag vor ihrer zweiten Amputation fuhr ihre Familie mit ihr noch einmal hinaus ans Meer, trotz des winterlichen Wetters. Kensky setzte sich auf eine Decke am Strand. "Ich wollte noch einmal das Gefühl der Sandkörner zwischen meinen Zehen genießen", sagte sie.

Was sie über den Tag erzählt, der ihr Leben veränderte, es ist eine Geschichte, in der sich die Zufälle aneinanderreihen, bis sie genau zur falschen Zeit am falschen Ort steht, in der Nähe der Marathonziellinie an der Boylston Street. Die Lotterie des Lebens, und sie hat eine Niete gezogen.

Aufgewachsen ist Kensky in Sacramento, der Hauptstadt Kaliforniens. In Baltimore lernte sie Krankenschwester, und als die amerikanische Wirtschaft nach dem Kollaps des Bankhauses Lehman Brothers in die schwerste Krise seit den 1930er Jahren rutschte, versprach Boston mit seinen zahlreichen Kliniken die besten Aussichten auf einen Job. Im General Massachusetts Hospital fing Kensky an, Krebspatienten zu betreuen. 2012 heiratete sie Patrick Downes, einen Psychologen.

Am Sonntag vor dem "Marathon Monday" hatte sie Dienst; an die drei Kranken in ihrer Obhut kann sie sich noch genau erinnern, es waren ja ihre letzten. Einer hatte eine Knochenmarktransplantation hinter sich, zwei machten das frühe Stadium einer Chemotherapie durch. Am Montag, als Boston den Marathon zelebrierte, halb Sportereignis, halb ausgelassene Party am Patriots' Day, ließen sie und Patrick es langsam angehen. Wie sonst üblich morgens zu joggen, hielten beide irgendwie für anmaßend, es hätte ausgesehen, als machten sie sich für das Rennen fertig. Stattdessen gingen sie in ein Fitnesscenter. Und da Patrick mit seiner Schwäche für Underdogs, für Außenseiter, lieber schwächere Läufer anfeuerte und nicht die Elite-Athleten, machten sie sich erst auf den Weg zur Boylston Street, als die Besten schon seit zwei Stunden im Ziel waren.

"Ich fühlte mich wie auf einer Rakete, als würde ich auf der Startrampe nach oben geschossen", beschreibt Kensky den Moment, in dem der Sprengsatz detonierte. Mit lädierten Trommelfellen habe sie die Schreie ringsum kaum wahrgenommen, allenfalls wie aus nebliger Ferne. Gefühlt habe sie nichts, auch keinen Schmerz, der kam erst später. Jemand presste ihren Körper aufs Pflaster, wogegen sie sich reflexartig wehrte. Erst hinterher wurde ihr klar, dass ihre gelbe Windjacke brannte und ein Herbeigeeilter nur die Flammen ersticken wollte. Auch als ihr ein Helfer später die versengten Jeans vom Leib schnitt, protestierte sie. "Wie bizarr, vor aller Leute Augen, mitten auf der Straße, da ziehst du dich doch nicht aus", sagt sie im Nachhinein. In dem Sanitätszelt, in das man sie brachte, fragte sie immer wieder nach Patrick. "Ich wusste, er ließ allen den Vortritt, ob wir nun ein Kino verließen oder aus einem Flugzeug ausstiegen. Ich dachte, um Himmels willen, er verblutet auf diesem Bürgersteig, ohne auch nur einmal nach Hilfe zu rufen."

Zwei Wochen danach sahen sich die beiden, sie damals 32 Jahre alt, er 29, zum ersten Mal wieder. In der Beth-Israel-Klinik, wo Patrick lag, der nach einer gefährlichen Infektion länger brauchte, um wieder zu Kräften zu kommen. Jessica nahm einen Fotografen mit, denselben, der zwei Jahre zuvor ihre Hochzeitsbilder gemacht hatte. Ihre Eltern hätten es ihr auszureden versucht, aber für sie sei es wichtig gewesen. Ein erster, ein symbolischer Schritt zurück ins normale Leben, so erklärt sie es.

So unverzichtbar wie auch die Gerichtsverhandlung, bei der Dschochar Zarnajew, der Überlebende der beiden Attentäter, auf der Anklagebank sitzt, die Hände lässig in den Hosentaschen vergraben, wenn es heißt, sich von den Plätzen zu erheben, während die Staranwältin Judy Clarke darum kämpft, ihn vor der Todesstrafe zu bewahren. Kensky spricht von einer kollektiven Therapie, da Boston offen wie nie über seine seelischen Wunden rede. Vor dem Prozess ging es oft darum, unter dem Motto "Boston Strong", auf unzähligen Schleifen verewigt, trotzige Stärke zu zeigen. Jetzt ist es, als läge die Stadt auf der Couch eines Psychiaters.

Boston, sagt Kensky nüchtern, war der falsche Ort für einen Sprengstoffanschlag, nicht darauf vorbereitet, anders als Städte in Kriegszonen. Mit den Verletzungen einer Kriegszone, mit abgerissenen Gliedmaßen, fügt sie hinzu, hatten die Ärzte in Boston nur wenig Erfahrung. Im Walter Reed Hospital, einer Klinik am Rande von Washington, in der die Versehrten des Irakkrieges betreut werden, fand Kensky Beistand und Rat. Und Trost. Bei Veteranen der Armee, die ihr Schicksal teilten, nur dass die Sprengsätze, die Letztere zu Invaliden machten, in Bagdad, Ramadi oder Falluja hochgingen, nicht im Zentrum einer Ostküstenmetropole, die sich für die friedlichste aller amerikanischen Großstädte hält.

Ein paar Wochen später, und Kensky hätte bereits ganz am anderen Ende des Landes gewohnt. Patrick wollte das Angebot einer Doktorandenstelle annehmen, sie standen kurz vor dem Umzug - nach San Francisco.

Quelle: RP
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