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London
Brexit-Stimmungstest am Super-Donnerstag

London: Brexit-Stimmungstest am Super-Donnerstag
FOTO: dpa, h0 cs
London. Labour droht ein Debakel, London könnte einen muslimischen Bürgermeister bekommen. Von Jochen Wittmann

Für Labour geht es morgen um die Wurst: Der größten britischen Oppositionspartei droht ein Debakel. Bei den Kommunalwahlen in England winken Labour die schlimmsten Verluste seit 30 Jahren. In Wales, wo man bisher stets die Landesregierung gestellt hatte, droht ein Verlust der absoluten Mehrheit. Und in Schottland, der einstigen Hochburg, dürfte man noch hinter die Konservativen auf den dritten Platz zurückfallen.

Unter dem Vorsitz des altlinken Parteichefs Jeremy Corbyn ist Labour in den Umfragen nach unten gerauscht. Zudem hat in den letzten Tagen ein Antisemitismus-Skandal der Partei weiter geschadet. Eine Reihe von Labour-Politikern mussten wegen judenfeindlicher Äußerungen von der Parteiführung suspendiert werden.

Nur in London ist ein Labour-Sieg möglich. Die Landeshauptstadt steht traditionell eher links. Labour hat dort einen Kandidaten aufgestellt, der für das multiethnische London kaum idealtypischer hätte ausfallen können: Sadiq Khan ist Muslim pakistanischer Abstammung, Sohn eines Busfahrers und einer Näherin. Aufgewachsen in einer Sozialwohnung in Südlondon, wo er sein Schlafzimmer mit zwei Brüdern teilte, hat sich Khan durch ein Jurastudium nach oben gearbeitet und ist ganz und gar ein Selfmademan. Nachdem er zuerst als Menschenrechtsaktivist gearbeitet hatte, wurde er 2005 Unterhausabgeordneter und diente in der letzten Labour-Regierung als Staatssekretär für Verkehr.

Khan erwies sich schon bei den letzten Unterhauswahlen als gewiefter Politiker. Er organisierte den Wahlkampf in London, wo Labour, ganz im Gegensatz zum nationalen Trend, sieben Wahlkreise hinzugewinnen konnte. Und jetzt sieht es ganz so aus, dass der talentierte Khan selbst ins Londoner Rathaus einziehen wird.

Khans Konkurrent ist der Konservative Zac Goldsmith, Sohn eines Milliardärs, erzogen an Eliteschulen, durch und durch ein glamouröser Vertreter der britischen Oberklasse. Goldsmith hat sich im Wahlkampf zu grenzwertig rassistischen und islamfeindlichen Ausfällen hinreißen lassen, als er seinen muslimischen Rivalen in die Nähe von islamistischen Extremisten rückte. Sollte er trotzdem gewinnen, müssten sich die Londoner ernste Sorgen um den toleranten und multikulturellen Charakter ihrer Stadt machen. Zugleich ist Goldsmith ein leidenschaftlicher Brexit-Fan. Sollte er entgegen allen Umfragen das Bürgermeisteramt gewinnen können, müssten sich die EU-Freunde im Königreich ernste Sorgen machen.

Indirekt spielte der Brexit auch im schottischen Wahlkampf eine Rolle. Sämtliche Parteien sprechen sich für einen Verbleib in der EU aus, die große Mehrzahl der Schotten will keinen Austritt. Aber sie fürchten, dass eine Mehrheit der Engländer sie zum Brexit zwingen könnte. Nicola Sturgeon, die Chefin der schottischen Nationalisten von der SNP, die auf eine absolute Mehrheit zusteuert, hat klargestellt, dass sie in diesem Fall ein neues Unabhängigkeitsreferendum anstreben würde.

Quelle: RP
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