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London
Briten hoffen auf Gute-Laune-Effekt

London. Bei den 30. Olympischen Spielen der Neuzeit erlebte die Welt ein rauschendes Sportereignis mit äußerst gastfreundlichen Briten. Premier David Cameron verspricht sich von den Spielen gar einen positiven Wirtschaftseffekt von rund 16,5 Milliarden Euro bis 2016. Von Aelxei Makartsev

Zwei Wochen lang hat die lautstarke Open-Air-Party um die Ecke von Downing Street 10 gedauert. Es reichte, um den erklärten Olympia-Fan David Cameron zur stillen Verzweiflung zu bringen. "Die spielen alle zehn Minuten Christina Aguilera. Es ist sehr lustig, bis die Zeit kommt, um die Kinder ins Bett zu bringen", klagte nach der ersten Woche der Beachvolleyball-Wettkämpfe der dreifache Familienvater.

Gestern verabschiedete sich der übermüdete Premier in seinen ersehnten Sommerurlaub, jedoch nicht ohne zuvor den "phänomenalen" Erfolg des weltgrößten Sportfestes gepriesen zu haben. "Großbritannien hat sein Versprechen erfüllt", sagte feierlich Cameron, der nach dem Medaillenregen für das "Team GB" auf einen Gute-Laune-Effekt für das Königreich hofft. Der Chef der konservativ-liberalen Koalition in London würdigte den olympischen Einsatz seiner Landsleute mit der schmeichelnden Feststellung: "In den vergangenen zwei Wochen schauten wir als Nation in einen Spiegel, und was wir dort sahen, hat uns sehr gefallen."

Zwar würden heute nicht viele Briten dieser Einschätzung widersprechen. Doch die Inselbewohner haben nicht vergessen, dass das schöne Spiegelbild eine schwierige Realität verdeckt, die ihnen in den kommenden Monaten viel abverlangen wird. "Goldbye!" So verabschiedete sich gestern der "Daily Mirror" von den erfolgreichsten britischen Sommerspielen seit einem Jahrhundert, bei denen die Gastgeber ihre optimistische Prognose von 48 Medaillen weit übertroffen haben. In London standen die Briten insgesamt 65 Mal auf dem Siegertreppchen (29 Gold-, 17 Silber-, 19 Bronzemedaillen), worüber die Queen angeblich sehr glücklich ist.

Doch es geht nicht nur um den Sport. Großbritannien verkaufte sich in der Welt als ein gut organisiertes, gastfreundliches Land mit warmherzigen, leidenschaftlichen und humorvollen Menschen, und es darf im Gegenzug auf touristische Dividenden hoffen. Nach neuen Schätzungen rechnet das Londoner West End mit einem positiven Wirtschaftseffekt von 250 Millionen Pfund (rund 318 Millionen Euro) durch die Spiele. Laut David Cameron wird das Land dank Olympia bis 2016 umgerechnet 16,5 Milliarden Euro einnehmen. Zieht man von dieser Summe die Ausgaben für Organisation und Sicherheit ab, bleibt ein Plus von 2,2 Milliarden Euro.

Diese optimistische Schätzung könnte sich jedoch als Wunschdenken erweisen. Denn Großbritannien steckt in einer Rezession mit zwei Talsohlen – dem längsten derartigen Abschwung seit 50 Jahren. Erst vor einer Woche überraschte der Zentralbankchef Sir Mervyn King die Regierung mit einer düsteren Prognose: Statt des erhofften, bescheidenen Wachstums von 0,8 Prozent bis zum Jahresende prophezeit der Finanzexperte seinem Land einen wirtschaftlichen Stillstand unter einer "schwarzen Wolke der Unsicherheit".

Damit hängt auch die Zukunft der Koalition in der Downing Street in der Schwebe. Das Scheitern der überfälligen Reform des Oberhauses am Widerstand konservativer Hinterbänkler hat einen Keil zwischen Cameron und seinen liberalen Vize Nick Clegg getrieben. Die enttäuschten Liberaldemokraten wollen sich damit rächen, dass sie nach dem Ende der Parlamentsferien im September eine geplante Reform der Wahlkreise blockieren, die die Tories vorangetrieben haben. Nach jüngsten Umfragen rechnet nur einer von sechs Briten damit, dass das Bündnis bis zur nächsten Wahl 2015 halten wird.

Auch Camerons Umfragewerte haben unter der Wirtschaftskrise gelitten. Vor den Spielen nannten 60 Prozent der Wähler den Premier inkompetent. Nach Expertenmeinung wird der Vorsitzende der Konservativen nicht von der olympischen Euphorie profitieren können, weil die Wähler den Erfolg der Spiele nicht als Camerons Verdienst sehen. Dafür gab das Sportfest der Popularität seines ärgsten innerparteilichen Rivalen einen großen Auftrieb: Der Londoner Bürgermeister Boris Johnson war der unangefochtene politische Star der vergangenen Wochen, weswegen er wieder als möglicher zukünftiger Parteivorsitzender gehandelt wird.

In seinem Ferienhaus in Spanien wird sich Cameron über einen weiteren negativen Olympia-Effekt für seine Innenpolitik ärgern müssen: Obwohl die Spiele einerseits das Zusammengehörigkeitsgefühl der Briten verstärkt haben, bewirkten sie andererseits eine neue Welle des Patriotismus im Norden der Insel und stellten erneut Schottlands Zukunft innerhalb des Königreichs infrage. Vor allem die sportlichen Erfolge von Olympiasiegern wie Andy Murray und Sir Chris Hoy sollen die Unterstützung der Schotten für die Unabhängigkeit deutlich in die Höhe getrieben haben. Nach einer neuen Umfrage sind 35 Prozent der Schotten für eine Abspaltung, während 44 Prozent für die Einheit des Landes eintreten.

Quelle: RP
 
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