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London
Britische Parteien in Aufruhr

London. Ungewissheit bei den Tories, Putsch bei Labour: Die Fraktion spricht dem Vorsitzenden das Misstrauen aus.

Spätestens am 2. September wollen die britischen Konservativen wissen, wer ihr neuer Vorsitzender wird - und damit wohl auch der nächste Premierminister. Denn am 2. September, so ist zumindest der Plan, endet die Briefwahl, mit der die 150.000 Mitglieder den Nachfolger von David Cameron bestimmen können. Etwas länger dürfte es dauern, bis die oppositionelle Labour-Partei einen neuen Vorsitzenden hat. Der jetzige Parteichef Jeremy Corbyn sieht sich derzeit einem Putsch gegenüber. Die überwältigende Mehrheit der Labour-Fraktion im Unterhaus sprach ihm gestern das Misstrauen aus.

172 Abgeordnete stimmten gegen Corbyn, nur 40 für ihn, wie britische Medien meldeten. Das Votum ist nicht bindend. Dennoch wird erwartet, dass er nun als Chef der größten britischen Oppositionspartei wackelt. Die Parteirebellen hoffen, dass das Misstrauensvotum Corbyn zur Aufgabe zwingt. Dessen Anhänger sagen, dass er erneut für den Führungsposten kandidieren und wegen seines hohen Ansehens an der Basis auch gewinnen werde. Corbyn war erst im vergangenen Herbst durch eine Urwahl ins Amt gekommen. Zuvor war Parteichef Ed Miliband zurückgetreten - Labour hatte die Unterhauswahl im Mai überraschend deutlich gegen Camerons Konservative verloren. Corbyn gehört seit Jahrzehnten zum linken Rand von Labour.

Parteikollegen hatten die Revolte gegen Corbyn nach dem Brexit-Votum gestartet, weil der Parteichef sich nicht entschieden genug für einen Verbleib des Königreichs in der Europäischen Union eingesetzt habe. Ein EU-Fan ist der 67-Jährige in der Tat nicht. In der Vergangenheit hatte er sich eher unter die Gemeinschafts-Skeptiker eingereiht. Auch im Brexit-Wahlkampf sprach er von Mängeln und Schwächen der Union. Doch es gebe keine Alternative: Man könne die EU nur verbessern, wenn man dabei sei.

Wegen mehrerer Schlappen bei Regional- und Kommunalwahlen war Corbyn ohnehin angeschlagen. Das hat sich seit Donnerstag dramatisch verschärft: Rund 40 Mitglieder seines inneren Kreises sind zurückgetreten. Sie werfen ihm Führungsschwäche vor und befürchten, mit ihm bei einer möglichen Neuwahl nicht gut abzuschneiden.

All das ficht Corbyn nicht an. Er sei von der Parteibasis gewählt worden, sagte er nach der Abstimmung gestern, und werde dieses Vertrauen nicht durch einen Rücktritt enttäuschen. Wenn es zu einem Wettbewerb um den Parteivorsitz bei Labour kommen sollte, kann das bis zu drei Monate dauern.

(witt/RP)
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