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Amerikas löchrige Grenze
Eine Mauer wird das Problem nicht lösen

Brownsville: Amerikas löchrige Grenze
Der Grenzzaun zwischen den USA und Mexiko in La Paloma, Texas. FOTO: dpa
Brownsville. Donald Trump will eine Mauer an der mexikanischen Grenze bauen und die illegal Eingereisten abschieben. Die Realität ist viel komplexer – Millionen Familien leben in einer rechtlichen Grauzone. Von Frank Herrmann

Es ist nicht so einfach mit dem Grenzzaun. Mal ist er ein ziemliches Monster, eine Konstruktion aus sechs Meter hohen, pfeilerdicken Stahlstangen, von Querstreben zusammengehalten. Mal besteht er aus nichts anderem als einer Reihe mannshoher Metallmatten der Armee.

Mal schlängelt er sich kilometerweit durch die schütteren Wiesen am Rio Grande. Dann wieder ist er von Lücken unterbrochen, weil man ihn nicht direkt an den Fluss gebaut hat und es Anwohner gibt, die ihre Häuser in Ufernähe erreichen müssen. Anwesen hinter der Stahlstangenkette, aber auf US-amerikanischem Boden.

"Wenn du ein 14 Fuß hohes Hindernis baust, werden sich 15-Fuß-Leitern finden, um darüberzuklettern"

Ein Grenzzaun, der löchrig ist wie ein Schweizer Käse – für Maria Cordero hat das keinen Sinn. Überhaupt sei die Barriere überflüssig: "Im Grunde ist es nur Theater, damit es aussieht, als löse man ein Problem." Das Problem, sagt Cordero, lasse sich so einfach nicht lösen, auch nicht, wenn Donald Trump Präsident wird und den Zaun durch eine lückenlose Mauer ersetzt.

Maria Cordero schwamm ein Jahr lang zweimal wöchentlich durch den Rio Grande über die Grenze. FOTO: Herrmann

Maria Cordero lebt in einer Grenzstadt im Südosten von Texas. Von ihrem Garten aus kann man das Stahlmonster sehen, das Brownsville von Matamoros in Mexiko trennt. Nachts knattern Hubschrauber über La Posada hinweg, das Viertel, in dem sie mit ihrem zweiten Mann Rolando und zwei Kindern aus erster Ehe wohnt.

Bisweilen rasen die weiß-grünen Geländewagen der Border Patrol durch die Straßen, um Menschen zu verfolgen, die ohne Visum über den Rio Grande kommen. Das Leben ist unruhig geworden in La Posada, seit die Grenzbefestigungen unter Barack Obama massiv ausgebaut wurden.

Dass eine Mauer die illegale Einwanderung aus der Welt schafft, glauben die wenigsten hier. "Wenn du ein 14 Fuß hohes Hindernis baust, werden sich 15-Fuß-Leitern finden, um darüberzuklettern", sagt Mark Matthews, der aus dem ländlichen Missouri stammt, früher Pfarrer war und heute auf der mexikanischen Seite eine Sprachschule betreibt. Trump spiele doch nur mit der Angst der Menschen. Auch in den Medien entstehe bisweilen der Eindruck, als habe man es mit einer Invasion von Fremden zu tun. "Ich glaube nicht, dass es der Realität entspricht", sagt er trocken.

Verkehrssprachen in Brownsville sind Spanisch und Englisch

Matthews unterrichtet in Matamoros Englisch für Firmenvertreter. Jeden Morgen fährt er mit derselben Selbstverständlichkeit über die Grenzbrücke nach Süden, wie die Mütter der mexikanischen Mittelschicht nach Norden fahren, um ihre Kinder in US-Schulen zu bringen. Wie die meisten hier spricht er nur vom Valley, vom Tal, wenn er den Ballungsraum am Rio Grande meint, eine Region mit historisch gewachsenen Banden über den Fluss hinweg.

Im texanischen Teil des Valley leben 1,2 Millionen, im mexikanischen knapp vier Millionen Menschen. Die Verkehrssprachen in Brownsville sind Spanisch und Englisch, auch die Werbeplakate sind zweisprachig bedruckt. Weiße US-Amerikaner leben hier, US-Amerikaner mexikanischer Herkunft, Mexikaner mit Aufenthaltsgenehmigung. Und viele, die keine US-Papiere haben. Es ist kompliziert. Wenn Maria Cordero ihre Familiengeschichte erzählt, wird schnell klar, wie verwoben das alles im konkreten Fall sein kann.

Ihre Tochter Ceuzette (25) hat ein Bleiberecht, steuert die Einbürgerung an und lässt sich zur Krankenschwester ausbilden. Eliud, Marias 28-jähriger Sohn, hat einen Fehler gemacht, für den er teuer bezahlen musste. Er hatte getrunken und sich dennoch ans Steuer gesetzt. Prompt geriet er in eine Verkehrskontrolle, bei der aufflog, dass er keinen Führerschein besaß, weil Illegale in Texas keinen Führerschein bekommen. Eliud wurde nach Mexiko abgeschoben, während seine Mutter schlaflose Nächte verbrachte beim Gedanken an den Sohn, der seit seinem fünften Lebensjahr in den USA gelebt hatte: "28 Jahre. Das ist das Alter, in dem dich die Drogenbanden bedrängen, damit du bei ihnen mitmachst. Ich hatte solche Angst um ihn."

Es gab Zeiten, da war der Grenzübertritt ein Kinderspiel

Beim ersten Versuch, über den Fluss zurückzukehren, fiel Eliud einem Kartell in die Hände, das Rauschgift und Menschen schmuggelt. Und das Leute, die auf eigene Faust hinüberwollen, mit Schlägen bestraft und so lange einsperrt, bis deren Angehörige die Schmugglerprämie zahlen. In Eliuds Fall waren es 1500 Dollar (1350 Euro). "Falls jemand eine Mauer hochzieht, werden die Prämien steigen. Das ist alles, das ist der ganze Effekt", orakelt Matthews, der Sprachlehrer.

Maria Cordero sitzt am Esstisch, vor sich ein üppiges Arrangement aus Kakteen, und erzählt ihre Geschichte. Es gab Zeiten, da war der Grenzübertritt ein Kinderspiel. Anfang der 90er Jahre, sie hatte sich in Mexiko von ihrem gewalttätigen Ehemann getrennt, schwamm sie am Montagmorgen über den Rio Grande, um als Zimmermädchen, Köchin und Kellnerin in den Hotels der Touristeninsel South Padre Island zu arbeiten. Am Freitagabend schwamm sie zurück nach Mexiko, um am Wochenende bei Sohn und Tochter zu sein. Es war Routine, etwa ein Jahr lang, bis es einmal bei starker Strömung zu einer Zitterpartie wurde. "Das macht du nie wieder", schwor sie sich und siedelte sich in Brownsville an. Abschiebungen waren nicht zu befürchten.

Seit dem 11. September 2001 hat sich das dramatisch geändert. Die USA begannen sich einzuigeln, das Misstrauen gegenüber Fremden nahm zu. Die Schattenmenschen wurden als billige Arbeitskräfte zwar weiter geduldet, aber die Aussicht, eines Tages aus dem Schatten zu treten, rückte für viele in weite Ferne. 2012 sah es für kurze Zeit nach Tauwetter aus. Damals erwärmten sich selbst konservative Senatoren für Barack Obamas Einwanderungsreform, um die Illegalen aus der Grauzone zu holen. Nach verheißungsvollem Start wurde das Projekt im Kongress ausgebremst.

Trump schürte die Ressentiments

Dann betrat Donald Trump die Bühne und schürte die Ressentiments. Wenn er erst regiere, kündigte er an, werde er die elf Millionen Schattenmenschen im Schnellverfahren deportieren. Fragt man Maria Cordero danach, gerät sie in Rage: "Hat ihm denn keiner erzählt, wer hier in den Hotels die Arbeit macht? Weiß er nicht, dass die Leute nicht nach Amerika kommen, weil sie Mickey Mouse gucken wollen?"

Mexikos tragende Rolle. FOTO: Nik Ebert

Bent Tree, eine halbe Autostunde von Brownsville entfernt, ist eine Siedlung in der Grauzone, jedenfalls juristisch. 364 Familien, Maschendrahtzäune, Warnungen vor bissigen Hunden. Bäume sind Mangelware, trotz des Namens. Wollte man alle Illegalen abschieben, schätzt Maria Cordero, würde es drei Viertel der Bewohner von Bent Tree treffen. Zum Beispiel Josué Martínez, verheiratet mit Jessica Martínez, die eine Aufenthaltsgenehmigung hat, Vater dreier Kinder, die in den USA geboren wurden und somit US-Bürger sind.

26.000 Dollar (23.600 Euro) hat Josué für das Grundstück hingeblättert, auf dem er sein Häuschen gezimmert hat. Er ist einer der unzähligen Schattenmenschen, die es gelernt haben, die Lücken der Bürokratie für sich auszunutzen. Denn Illegale können in Texas legal Immobilien kaufen, sofern sie bar bezahlen und keinen Kredit aufnehmen. Was auffällt in Bent Tree: Es gibt kaum ein Haus, vor dem nicht ein Basketballkorb hängt. In den grünen Vororten Bostons, Philadelphias oder Chicagos sind Basketballkörbe in den Vorgärten ein Statussymbol der Mittelschicht.

 
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