Zahlen europäische Biertrinker zu hohe Zechen?: Brüssel ermittelt
zuletzt aktualisiert: 26.03.2000 - 11:39Brüssel (dpa). Müssen Biertrinker in europäischen Kernländern wie Belgien, Frankreich, Italien, oder den Niederlanden im Supermarkt und am Tresen zu tief in die Tasche greifen? Diese Frage stellen sich die EU-Wettbewerbshüter in Brüssel. Im Abstand von nur wenigen Monaten durchsuchten EU-Ermittler Zentralen oder Filialen der größten europäischen Brauer Heineken (Niederlande), Carlsberg (Dänemark), Danone (Frankreich) oder Interbrew (Belgien).
Ob es tatsächlich ein europäisches Bierkartell mit Preisabsprachen und aufgeteilten Märkten gibt, ist derzeit nicht erwiesen. "Wir stehen erst am Anfang", meint ein EU-Mitarbeiter. Doch die wiederholten EU-Razzien bei den Großbrauern und ihren jeweiligen Branchenverbänden lassen nach Beobachtereinschätzung darauf schließen, dass die Ermittler auf einer heißen Spur sind. Von den Unternehmen wird der Kartell-Verdacht hingegen zurückgewiesen.
Wegen großer Überkapazitäten und kleiner Margen wird in der europäischen Brauerbranche mit harten Bandagen gekämpft. Allein in Deutschland wird der Anteil von Kapazitäten, die eigentlich nicht gebraucht werden, von Experten auf rund 30 Prozent geschätzt. Die großen Konzerne ordnen ihr Geschäft; das Fusions-Karussell dreht sich dabei immer schneller.
Erst in der zurückliegenden Woche kündigte Danone an, sein Braugeschäft um das Flaggschiff Kronenbourg mit dem britischen Konzern Scottish and Newcastle zu verschmelzen. Der neue Verbund will Carlsberg vom Platz Nummer zwei hinter Europas Branchenprimus Heineken verdrängen. Die South African Breweries ließen im vergangenen Jahr für 51 Prozent an der tschechischen Biermarke Pilsner Urquell knapp 600 Millionen DM fließen.
Der Kopenhagener Braukonzern Carlsberg, der in seiner Heimat fast Monopolist ist, wies unlängst Gerüchte zurück, er solle vom weltweiten Branchenführer Anheuser-Busch aus den USA übernommen werden. Der Budweiser-Produzent aus St. Louis erreicht etwa den gleichen Ausstoß wie alle deutschen Brauer zusammen, wissen Experten.
In Deutschland schluckte zwar Holsten die König-Brauerei, doch die Unternehmensstruktur mit 1 283 Braustätten (1998) bleibt vielerorts noch mittelständisch. Deshalb seien EU-Razzien im Land des Reinheitsgebotes zunächst nicht zu erwarten, meinen EU-Wettbewerbskenner. Andere europäische Märkte seien hingegen bereits im Griff weniger großer Konzerne. So hält Interbrew, besser bekannt durch seine Marke "Stella Artois", im klassischen Bierland Belgien einen Anteil von über 50 Prozent.
Der europäische Biermarkt ist weiterhin der größte der Welt. Nach Branchenzahlen betrug der Ausstoß 1998 - neuere Zahlen lagen noch nicht vor - 446 Millionen Hektoliter. Davon entfiel auf Deutschland mit 112 Millionen Hektoliter Gerstensaft rund ein Viertel. Die USA, der größte Einzelmarkt der Welt, kamen auf 238 Millionen Hektoliter.
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