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Tengen
Bürgermeister kann der Junge

Tengen: Bürgermeister kann der Junge
Marian Schreier: Deutschlands jüngster Bürgermeister FOTO: dpa, mut cul
Tengen. Charismatisch, rhetorisch geschult und mit einem genauen Plan für die Zukunft - so tritt Deutschlands jüngster Stadtchef Marian Schreier (25) in der Gemeinde Tengen auf. Seit Mai ist er im Amt. Ein Besuch in der südbadischen Idylle. Von Reinhold Michels

Das Frühjahr 2015 wird Marian Schreier nie vergessen: Im März wurde der 25 Jahre junge Stuttgarter zum hauptamtlichen Bürgermeister der Stadt Tengen nicht weit von Konstanz am Bodensee gewählt. Mitte Mai trat er sein Amt als Chef der 4700-Seelen-Kommune in Baden an. Ende Mai heiratete der ehemalige Mitarbeiter im Bundestagsbüro des 2013 angetretenen SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück seine Freundin Amelie, eine Musikerin, die sich zur Konditorin ausbilden lässt. Wenig später bestand der Bräutigam die Führerscheinprüfung. So darf sich Marian Schreier jetzt nicht nur "jüngster hauptamtlicher Bürgermeister Deutschlands" nennen, sondern er darf auch ein Auto lenken, wo ihm doch bereits die Ortsfeuerwehr und die städtische Ordnungsgewalt bei Rowdytum untersteht. Das wiederum erscheint in dem still-braven Idyll Tengen so wahrscheinlich wie ein Tsunami auf dem 30 Kilometer entfernten "Schwäbischen Meer".

Was Schreier trotz aller Amtsvollmachten nicht darf: Auf einem der zahlreichen Volks- und Heimatfeste im Hegau-Kreis - die größte Gaudi ist der Tengener Schätzelemarkt Ende Oktober - einen oder zwei Silvaner trinken und danach den Pkw nach Hause steuern. Schreier weiß: Als Führerschein-Neuling ist er in der Probezeit, da gilt striktes Null-Promille-Gebot. Er nimmt's mit Humor: "Also entweder Apfelsaft statt Wein oder sich von jemandem nach Hause bringen lassen." Einen Dienstwagen hat der Chef von weniger als 20 Rathaus-Mitarbeitern nicht. Amtlich bedingte Fahrten rechnet Schreier, der so viel verdient wie sein ehemaliger Studiendirektor in Stuttgart, mit der Gemeinde ab.

Ist der junge Mensch mit dem schwarzen Schopf, dem freundlich-prüfenden Blick und der Gabe zur routinierten Rede ein politisches Phänomen? Schreier schmunzelt solche Fragen weg mit Allerwelts-Formulierungen wie: Politischer Aufstieg lasse sich nicht planen. Auf keinen Fall möchte er wie sein Vorgänger 41 Jahre Bürgermeister in Tengen bleiben. Dreimal die jeweils achtjährige Amtszeit ausschöpfen - das wäre wohl das Maximum. Dann wäre Schreier erst 49.

Bei einer Wahlbeteiligung von 70 Prozent etwas mehr als 70 Prozent der Stimmen zu bekommen, ist etwas Besonderes, andere nennen es "ein herausragendes Ergebnis für einen so jungen Mann". Schreier hatte sich eher aus einer Laune heraus und nach dem Tipp eines Studienfreundes aus Konstanz ("Du, in Tengen suchen sie einen neuen Bürgermeister") entschlossen zu kandidieren. Der als unabhängiger Kandidat angetretene Sozialdemokrat hatte seinen von der CDU unterstützten 50-jährigen Mitbewerber deklassiert.

Bei der Gaststätte "Zur frohen Einkehr" und in der gediegenen Herberge "Bibermühle" erzählen Menschen mittleren Alters, dass "d'r Schreier bisher 'n guten Dinnscht mache". Zwei ältere Frauen, die auf einer Bank die Mittagssonne genießen, bleiben reserviert: Es sei zu früh für ein Urteil über "unsern Bürgermeischter". Schreier kennt manche Vorbehalte gegen ihn. Jemand schrieb: Die Wahl sei ja wohl ein Scherz, ein derart junger Bürgermeister könne doch nicht die Interessen der Stadtbevölkerung vertreten. Schreier reagiert gelassen: So etwas dürfe einen nicht persönlich tangieren. Dann erzählt er von 25-jährigen Landwirten, die den Hof der Eltern führten, oder von Altersgenossen, die einen Handwerksbetrieb leiteten und Verantwortung für Mitarbeiter übernähmen. Es folgt eine etwas zu glatt polierte Formulierung: Entscheidend seien Engagement und Verantwortungsbereitschaft, nicht das Alter.

Schreier arbeitet natürlich nicht mit sorglos jungem Gemüt in den Tag hinein, sondern "zielorientiert", wie das heute überall bei den auf Leistung Getrimmten heißt. Ziel eins: die zwingend notwendige Schließung der zu kostspieligen Pflegeeinrichtung im Ortsteil Blumenfeld (eine halbe Million Euro Minus pro Jahr für den Stadt-Etat von rund zwölf Millionen). Es müsse eine Lösung gefunden werden, um ortsnahe Pflegeplätze anzubieten, zu wirtschaftlich vertretbaren Bedingungen. Ziel zwei: ein neuer, verzweifelter Versuch, dem Land ein Ja für eine nur einzügige Schule am Ort doch noch abzutrotzen. Die neue Landes-Vorgabe von 40 Neuanmeldungen für die Eingangsklassen erreicht Tengen nicht. Schreier weiß: Ohne Schule droht schnell die Überalterung des Luftkurortes, der knapp 70 000 Übernachtungen jährlich zählt; die meisten Touristen wählen den Fünf-Sterne-Campingplatz. Ziel drei: Räume für Flüchtlinge schaffen. Aktuell fehlen im Landkreis Konstanz, zu dem Tengen gehört, 600 Flüchtlings-Unterkünfte. Man wird wohl in die fünf Kreissporthallen ausweichen. Das bringt politische Konflikte und womöglich Ärger mit der Bevölkerung. "Noch", so heißt es in Tengen, gebe es eine hohe Zustimmung zur Hilfe für Flüchtlinge - aber das könne schnell kippen.

Die Bewährungsproben für den jüngsten Stadtchef Deutschlands kommen bald.

Quelle: RP
 
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