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Berlin
Bundesamt: Giftstoffe in Kräutern und Schmuck

Berlin. Bei fast jeder zehnten Rosmarin-Probe wird der Grenzwert von Pflanzenschutzrückständen überschritten. Auch andere Kräuter sind betroffen. Zwölf Prozent des Modeschmucks sind gesundheitsgefährdend. Von Ludwig Krause und Saskia Nothofer

Egal ob frisch, zerkleinert oder getrocknet: Kräuter überschreiten häufig zulässige Grenzwerte von Schadstoffen. Das geht aus dem gestern veröffentlichten Bericht des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hervor. Erstmals wurden im vergangenen Jahr auch Rosmarin, Dill, Oregano und Schnittlauch auf Rückstände von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln untersucht. Das Ergebnis alarmiert die Verbraucherschützer: Bei neun Prozent der Rosmarin-Proben wurde der gesetzlich festgelegte Rückstandsgehalt überschritten, bei Dill waren es 7,6 Prozent, bei Oregano noch 6,5 Prozent. Besonders häufig sind Kräuter aus Nicht-EU-Staaten betroffen.

Bei mehr als der Hälfte der Proben von Dill, Oregano und Rosmarin fanden die Verbraucherschützer Aluminiumwerte, die über dem von der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit festgelegten typischen Gehalt von fünf Milligramm pro Kilogramm liegen. Eine akute Gesundheitsgefahr sieht das Ministerium beim Kräuter-Verzehr aber nicht. "Sie werden ja nur in geringen Mengen zur Verfeinerung verwendet", sagte BVL-Präsident Helmut Tschiersky. "Aber auch wenn kein akutes Risiko besteht, müssten die gesetzlichen Vorgaben eingehalten werden."

Kritik gibt es aus der Politik. "Diese Rückstände zeigen, dass es erheblichen Nachholbedarf gibt und bei den betroffenen Unternehmen fachlich nicht gut gearbeitet wird", sagte Renate Künast (Grüne), Vorsitzende des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz. Sie sieht Ernährungs- und Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) in der Pflicht. "Das Ministerium muss aktiv werden, es müssen Reduzierungsstrategien mit der Industrie entwickelt werden", sagte Künast.

380.000 Lebensmittelproben wurden untersucht, Verstöße bei etwa zwölf Prozent festgestellt. Besonders auffällig ist der erhebliche Anstieg von Mängeln bei der Lebensmittelkennzeichnung. Die Mängelquote bei Betriebskontrollen stieg von 17,9 auf 26,1 Prozent. Das Ministerium führt das auf die 2014 in Kraft getretene Lebensmittelinformationsverordnung zurück. "Die mangelnde Kennzeichnung alarmiert uns. Die Richtlinien sind lange bekannt, den Unternehmen sollte klar sein, dass eine ausreichende Kennzeichnung unerlässlich ist", sagte Jutta Jaksche vom Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Auch billiger Modeschmuck wurde im vergangenen Jahr verstärkt unter die Lupe genommen. "Die Gefahr entsteht vor allem, wenn der Schmuck, etwa ein Ring oder Anhänger, verschluckt werden kann. Dann sind schwerwiegende, sogar tödliche Vergiftungen möglich", sagte Juliane Becker, Vorsitzende der Länderarbeitsgemeinschaft Verbraucherschutz. Gerade Kleinkinder sind also gefährdet. Von den 262 untersuchten Proben wiesen zwölf Prozent Bleiwerte oberhalb des geltenden Höchstgehaltes auf. Bei einer untersuchten Kette waren die Karabinerhaken sogar vollständig aus Blei gefertigt. Bei 26 Proben überschritt der Kadmiumgehalt den Grenzwert. Die Aufnahme hoher Mengen von Schwermetallen kann laut Bundesinstitut für Risikobewertung zu ernsthaften Erkrankungen führen: Blei kann das Nervensystem schädigen und zu Unfruchtbarkeit führen, Kadmium Nieren und Knochen schädigen.

Nicht nur aus der Opposition werden Rufe laut, dass entschiedener gehandelt werden muss. "Wir benötigen eine bundesweite Plattform, auf der Unternehmen, die sich nicht an die Regeln halten, dem Verbraucher transparent genannt werden", sagte Elvira Drobinski-Weiß, verbraucherpolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion. "Der Verbraucherschutz hat Vorrang vor Industrieverbänden."

Die Union hingegen setzt auf stärkere Kontrollen. "Wir haben ausreichende Regelungen und Grenzwerte. Aber diese werden unterlaufen", sagte Gitta Connemann, stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. In Bezug auf Lebensmittelkontrollen seien einige Länder unterbesetzt. "Es gibt in Deutschland derzeit etwa 2400 Lebensmittelkontrolleure bei 1,2 Millionen Lebensmittelbetrieben. Jeder Kontrolleur müsste jährlich rund 500 Betriebe kontrollieren. Das ist unmöglich" , kritisierte Connemann. Einem Online-Portal steht sie skeptisch gegenüber: "Wer Giftschmuck vertreibt, gehört angeprangert. Kleine Ordnungswidrigkeiten gehören allerdings nicht ins Internet. Hier muss eine kluge Grenze gezogen werden."

Quelle: RP
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