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Umstrittene Bundeswehr-Trainings
Kollabierte Soldaten waren auch Opfer von Strafmärschen

Bundeswehr: Kollabierte Soldaten waren auch Opfer von Strafmärschen
Soldaten in der Grundausbildung marschieren über das Gelände der Marinetechnikschule in Parow, Mecklenburg-Vorpommern. (Symbolbild) FOTO: dpa, sts
Exklusiv | Berlin. Bei Bundeswehr-Märschen im niedersächsischen Munster kollabierten Offizieranwärter. Einer von ihnen starb, ein weiterer liegt noch immer im Krankenhaus. Nun gibt es neue Details: Laut einem internen Bericht hatte zuvor bereits ein Strafmarsch stattgefunden. Von Gregor Mayntz

Interne Recherchen der Bundeswehr werfen ein neues Licht auf jene Märsche vom 19. Juli im niedersächsischen Munster, bei dem Offizieranwärter (OA) kollabierten. Einer starb in der Folge, ein weiterer liegt noch immer in einem kritischen Zustand im Krankenhaus. Danach waren neben dem im Dienstplan vorgesehenen Eingewöhnungsmarsch zwei weitere Märsche mit Strafcharakter angesetzt worden.

"Die betroffenen OA legten dabei eine Strecke von insgesamt sechseinhalb Kilometern, streckenweise im Laufschritt zurück", heißt es in einer unserer Redaktion vorliegenden Unterrichtung des Ministeriums für die Obleute des Verteidigungsausschusses. Einige der Soldaten hätten beim Rückmarsch zum Ausbildungsort "ergänzend Liegestütze absolvieren" müssen. Die Zusatzmärsche seien angesetzt worden, "um fehlende Ausrüstungsgegenstände in der Kaserne zu ergänzen", heißt es weiter.

Auch die Anzahl der von Gesundheitsproblemen betroffenen Soldaten ist größer als zunächst angenommen. "In Summe traten nach jetzigen Erkenntnissen bei insgesamt elf Soldatinnen/ Soldaten Beschwerden zu unterschiedlichen Zeitpunkten sowie in unterschiedlichen Qualitäten auf. Tragische Folgen hatte bereits der erste Zusatzmarsch: 150 Meter vor Erreichen des Zieles kollabierte ein Soldat. Er starb Tage später im Krankenhaus. Ein weiterer brach vor dem Ende des zweiten Zusatzmarsches zusammen. Nach einer Erstversorgung und einer Verlegung per Rettungshubschrauber ins Bundeswehrkrankenhaus nach Hamburg ist er "leider immer noch in kritischem Zustand", berichtet die Bundeswehr dem Ausschuss.

"Kurzzeitig benommen und nicht ansprechbar"

Aus den Befragungen von Teilnehmern erfuhr ein Untersuchungsteam, dass auch eine Soldatin während des zweiten Marsches einmal und während des dritten Marsches zweimal "kurzzeitig benommen und nicht ansprechbar" gewesen sei. Fünf Offizieranwärter hätten während und nach den Märschen mit Schmerzen im Unterschenkel, mit Knieverletzungen, Bauch- und Fußschmerzen zu tun gehabt. Zwei mussten aufgrund von Verletzungen ("Sturz auf das Knie") den dritten Marsch abbrechen. Schließlich haben zwei ins Krankenhaus eingelieferte Marschteilnehmer das Krankenhaus verlassen und eine drei- bis sechswöchige "Abschlussbehandlung" begonnen.

Die Bundeswehr habe keine Erkenntnisse über einen Konsum von verbotenen Substanzen, heißt es in dem Bundeswehr-Bericht. Spekulationen über Aufputschmittel hatten sich zuvor zunächst dahingehend aufgelöst, dass ein Teilnehmer einräumte, einen Energy Drink zu sich genommen zu haben.

Die Staatsanwaltschaft Lüneburg ermittelt nun gegen Unbekannt sowohl wegen fahrlässiger Tötung als auch fahrlässiger Körperverletzung und hat eine Obduktion des Verstorbenen angeordnet. Das Ergebnis soll nach Informationen des Verteidigungsministeriums frühestens Ende August vorliegen. Zwei Delegationen bemühen sich um die Aufklärung: Ein zwölfköpfiges Kernteam als "Untersuchungsgruppe Munster (UGM)" und eine interdisziplinäre medizinische Arbeitsgruppe. Die Bundeswehrermittler haben insbesondere mit den Soldaten der betroffenen 2. Kompanie des Offizieranwärterbataillons 1 gesprochen, sind die Strecken abgegangen und haben mit den Eltern des Verstorbenen auf deren Wunsch die Ausbildungsorte aufgesucht.

Offenbar Hitlergruß gezeigt

Die Bundeswehrführung tappt nach eigenen Angaben bei den konkreten Ursachen für Tod und Erkrankung der Soldaten weiter im Dunkeln. "Insbesondere gibt es noch keine stichhaltige Erklärung für das Gesamtbild an Ereignissen und Auffälligkeiten dieses Ausbildungstages", schreibt Verteidigungs-Staatssekretär Markus Grübel den Abgeordneten. Im Ministerium wird damit gerechnet, dass am Ende viele Puzzlesteine an möglichen Ursachen erst ein Gesamtbild ergeben.

Parallel dazu ermittelt die Bundeswehr nun auch bei der Elitetruppe Kommando Spezialkräfte (KSK) wegen einer offenbar aus dem Ruder gelaufenen Party. Dabei soll am 27. April auf einem Schießstand Sex mit einer Frau als "Gewinn" ausgelobt worden sein. Diese berichtete zudem von Wettbewerben, bei denen unter anderem mit Schweineköpfen geworfen wurde. Auch soll es zum Abspielen rechtsextremer Musik und zum Zeigen des Hitlergrußes gekommen sein. Die Beschuldigten bestätigten die Anwesenheit einer Escort-Dame, erklärten aber, es habe keinen Geschlechtsverkehr gegeben, und bei dem Gruß sei es im Rahmen eines Wettkampfes im altrömischen Stil um "Ave Cäsar" gegangen.

 
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