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Paris
Ein Fußballspiel bringt Frankreichs Premier in Erklärungsnot

Die Spielstätten in Frankreich
Die Spielstätten in Frankreich FOTO: dpa, sn mr
Paris. Manuel Valls flog vom Parteitag zum Champions-League-Finale - im Regierungsjet. Die Querelen überlagern die politische Botschaft der Reise. Von Christine Longin

Knapp 1400 Kilometer liegen zwischen der westfranzösischen Stadt Poitiers und Berlin. Eine Entfernung, die der französische Regierungschef Manuel Valls am Samstagabend im Regierungsjet zurücklegte, um vom Parteitag seiner Sozialisten zum Champions-League-Finale zu kommen. Dass der Kurztrip den Steuerzahler rund 20 000 Euro kostet, ist ärgerlich. Noch ärgerlicher ist für die Sozialisten allerdings, dass ihr Premier, der am Mittag in Poitiers noch eine flammende Rede gehalten hatte, nur Stunden später seine wahre Begeisterung zeigte - für den FC Barcelona, den Verein seiner Geburtsstadt.

Die konservative Opposition warf Valls wegen seiner Reise im Regierungsflugzeug "Unanständigkeit" vor. Die Regierung entgegnete, der Premier habe auf Einladung von Michel Platini, dem Chef des europäischen Fußballverbands Uefa, das EM-Gastgeberland 2016 vertreten und auch über die Organisation des Wettbewerbs gesprochen. Zu dem Spiel begleiteten Valls zwei seiner Söhne. Dies habe die Reise jedoch nicht teurer gemacht, zitierte der Sender BFMTV das Umfeld des Regierungschefs. "Eine Reise, und alles bricht zusammen", kritisierte dennoch die Zeitung "Le Parisien" und fragte, wie Valls einen solchen Fehler habe machen können. Die Antwort lieferte sie gleich mit: "Weil er, wie andere vor ihm, während der Machtausübung den Sinn für die Realität verloren hat."

Die versteckte politische Botschaft von Valls' Wochenendausflug geht angesichts dieser Querelen fast unter. Sie lautet: Der Parti Socialiste (PS) fasziniert drei Jahre nach dem Wahlsieg von François Hollande nicht mehr. Rund 40 000 Mitglieder verlor die Partei seither. An internen Abstimmungen beteiligte sich nicht einmal mehr die Hälfte der Mitglieder; in Poitiers war die Messehalle meist nur halb besetzt. Die Sozialisten haben nur noch einen gemeinsamen Nenner: die Macht. Deshalb verzichtete auch der linke Flügel beim Parteitag auf Kritik an der Regierung. Valls wurde stattdessen minutenlang beklatscht.

Das ist ein gewaltiger Unterschied zum traditionellen Sommertreffen der Partei in La Rochelle vor neun Monaten, als der 52-Jährige noch ausgebuht worden war, weil er zuvor bekannt hatte: "Ich liebe die Unternehmen." Inzwischen scheint die Partei auf die realpolitische Linie des Regierungschefs einzuschwenken. So interpretiert zumindest ein Delegierter die Reaktion der Parteimitglieder. "Nah an der SPD" sei der neue Kurs, fasst Jérôme Safar es zusammen, ein Kommunalpolitiker aus Grenoble. Ein ideologischer Erneuerungsprozess wie bei der SPD mit ihrem Godesberger Programm 1959 fehlt den französischen Sozialisten allerdings.

Quelle: RP
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