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Düsseldorf
Chinas Streit mit Japan erreicht Düsseldorf

Düsseldorf. Die unbewältigte Kriegsvergangenheit und ein Territorialstreit vergiften die Beziehungen. Das ist bis nach Deutschland zu spüren.

Mit feierlicher Miene verbeugte sich Shinzo Abe. Dann folgte Japans Ministerpräsident einem Shinto-Priester ins Innere des Yasukuni-Schreins in Tokio. Das Fernsehen strahlte die Bilder Ende Dezember aus. Sie lösten einen Aufschrei der Empörung in China und Südkorea aus. Beide Länder sehen in dem Schrein, der den 2,5 Millionen japanischen Kriegstoten gewidmete ist, einen Tempel des japanischen Militarismus. So wird in einem Museum auf dem Gelände der Opfermut der Kamikaze-Piloten gepriesen, es gibt aber keinerlei Hinweise auf japanische Kriegsverbrechen. Dabei hat die kaiserliche Armee nach Schätzungen von Historikern vor und während des Zweiten Weltkriegs auf ihren brutalen Feldzügen in Asien mehr als 20 Millionen Menschen umgebracht.

Wenige Tage nach Abes Besuch am Schrein erklärte Peking den japanischen Premier zur "unerwünschten Person". Und nun erreichten die Spannungen zwischen beiden Ländern, neuerdings noch verschärft durch einen Streit um eine Inselgruppe im Ostchinesischen Meer, sogar deutschen Boden. Am Montag wurde der Neujahrsempfang der Industrie- und Handelskammer (IHK) in Düsseldorf, auf dem sonst eher Artigkeiten ausgetauscht werden, unvermittelt zur Bühne, auf der vor 1000 Gästen der Zwist der beiden Staaten ausgetragen wurde.

Chinas Botschafter Shi Mingde nutzte seinen Vortrag zum Thema "Wirtschaftspartner China", um Japans Regierung anzugreifen. Scharf kritisierte er Abes Besuch am Yasukuni-Schrein. Shi Mingde warf ihm vor, die Gefühle der Chinesen zu verletzen. Die Aufarbeitung der Geschichte durch Japan stehe im Gegensatz zum Umgang Deutschlands mit der NS-Vergangenheit. Das erkläre auch, warum sich China und Japan bislang nicht ausgesöhnt hätten wie Deutschland und Frankreich. Einige Kräfte in Japan seien auch mehr als 60 Jahre nach dem Krieg nicht bereit, dessen Ergebnisse zu akzeptieren. Der japanische Generalkonsul Kaoru Shimazaki und Spitzen der japanischen IHK in Düsseldorf hörten mit versteinerten Mienen zu und verließen die Veranstaltung rasch.

Shi Mingde wusste jedenfalls, was er tat. Chinas Botschafter hatte einst in der DDR studiert, spricht sehr gut Deutsch und weiß, dass Düsseldorf eine japanische Hochburg ist. Er hatte schon im Vorfeld angekündigt, er werde sich zu Japan äußern, wollte aber weder sein Manuskript zur Verfügung stellen noch Mitschnitte seiner Rede erlauben.

IHK-Präsident Ulrich Lehner dankte Shi Mingde für seine klaren wirtschaftlichen und politischen Worte. Doch es war das beherrschende Gesprächsthema beim anschließenden Empfang, ob der Botschafter seinen Auftritt nicht missbraucht habe. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Thomas Jarzombek empfand ihn als "ungewöhnlich und schwierig". Düsseldorfs SPD-Vorsitzender Andreas Rimkus sagte: "Das war eine Brüskierung der vielen japanischen Unternehmen in Düsseldorf und des Generalkonsuls. Ich habe bei dieser Rede, die nichts mit Diplomatie zu tun hatte, nicht geklatscht."

Im japanischen Generalkonsulat zeigte man sich am Tag nach dem Eklat wenig überrascht: Mit der Attacke sei angesichts der aufgeheizten Stimmung zu rechnen gewesen. Ein Sprecher verwies darauf, dass Abes Besuch am Yasukuni-Schrein rein privat gewesen sei. Der Premier habe seinen Besuch außerdem mit dem feierlichen Versprechen verbunden, dass sein Land nie wieder einen Angriffskrieg führen werde.

In Japan ist der Vorgang durchaus umstritten. In Umfragen ist eine knappe Mehrheit gegen die Andachten ihres Regierungschefs am Schrein. Unter den Wählern der regierenden Liberaldemokratischen Partei, der auch Abe angehört, sprechen sich aber 60 Prozent dafür aus. Während seiner ersten Amtszeit 2006 bis 2007 hatte Abe den Schrein nicht besucht, was er später als "äußerst bedauerlich" bezeichnete.

Entspannung ist nicht in Sicht. Als Reaktion auf Pekings Aufrüstung und das chinesische Säbelrasseln, das unlängst im einseitigen Ausrufen einer Flugverbotszone über dem ostchinesischen Meer gipfelte, kündigte Abe höhere Militärausgaben an und plädierte außerdem für eine Überarbeitung der strikt pazifistischen Nachkriegsverfassung Japans – was wiederum China als Bedrohung empfindet.

(anh/bee/mic/ujr)
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