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Kolumne: Gesellschaftskunde
Coolness ist nur scheinbar die Lösung

Gelassen bleiben - das ist eine der großen Herausforderungen der Gegenwart. Menschen machen Kurse zum Stressabbau, versuchen Arbeit und Leben in Balance zu bringen, sich von den Möglichkeiten der digitalen Welt nicht zerstreuen zu lassen. Ruhe, Konzentration, Versenkung erscheinen wie ein Luxus, den die Lebenswirklichkeit eigentlich nicht mehr zulässt. Also ist es Aufgabe des Einzelnen geworden, die richtige Haltung zum Stress einzunehmen, Barrieren zu errichten, um sich von der ständigen Überforderung nicht voll erwischen zu lassen. Von Dorothee Krings

Coolness erscheint da als das Gebot der Stunde. Wer Ansprüche nicht zu sehr an sich heranlässt, Rückschläge sportlich nimmt und Kritik als Anregung wertet, der gehört zu den Siegern im Umgang mit dem Leistungsdruck. Nur nichts persönlich nehmen, nur keine Angst vor Versagen, lieber alles auf Abstand halten, dann wirkt es überschaubar und ungefährlicher. Coolness ist der Panzer der Moderne. Coolness macht aus Burn-out-Kandidaten lachende Dritte. Coolness ist die Kunst, den Zumutungen der Zeit mit Arroganz zu begegnen. Darum werden coole Typen bewundert, darum buhlen weniger Selbstbewusste um deren Gunst. Zum Kollegen oder gar Freund hat man die Coolen allerdings lieber nicht. Denn lässige Menschen lassen nichts wirklich an sich heran. Mitleid, Empörung, Verzweiflung leisten sie sich lieber nicht, das schafft emotionale Verstrickung, und die macht angreifbar.

Lässigkeit mag also wie eine Technik erscheinen, die dem Einzelnen Gelassenheit garantiert und die Freiheit, über den Dingen zu stehen. Doch das Lockerbleiben hat einen Preis: Es macht auch unnahbar. Und ignorant gegenüber Zuständen, die nun mal unsere Empörung verdienen. Denn Wut oder Mitleid sind notwendige Impulse, um aktiv zu werden gegen Ungerechtigkeit und die Benachteiligung Schwächerer. Ohne solche Impulse bewegt sich nichts. Auch nicht für die Coolen.

Heute werden weniger ideologische Schlachten geschlagen, es geht um Lifestyle, Konsumverhalten, Selbstverwirklichung. Da kommen die Benachteiligten schnell nicht mehr vor; und mit coolem Lächeln verdrängt man leichter. In dem Film "About a Boy" hat Hugh Grant mal so einen Typen gespielt, der nichts an sich heranlässt und gut damit lebt, bis der Sohn einer psychisch labilen Frau einfach bei ihm durchmarschiert, sich aufs Sofa setzt und seinen Lebensschmerz mitteilt. Die Mutter des Jungen ist das andere Extrem: gutmenschlich, wohlmeinend, lebensunfähig. Doch erst als Grant sich von deren Nöten rühren lässt und der Familie hilft, beginnt er zu leben.

Die Coolen haben es leichter. Sie verpassen viel.

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Quelle: RP
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