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Düsseldorf
Das bange Warten der Angehörigen

Düsseldorf. Erst wenn ein Opfer eindeutig zugeordnet ist, kann die Trauerarbeit beginnen. Das kann manchmal Wochen dauern. Von Jörg Isringhaus

Je nach Grad einer Verletzung kann es nach einem Anschlag wie in Brüssel mühsam sein, Opfer zu identifizieren. In Belgien gibt es nach Angaben des Auswärtigen Amts mindestens einen schwer verletzten Deutschen. Unter den Todesopfern ist auch eine Frau aus Aachen, wie die Aachener Polizei gestern mitteilte. Die Frau galt nach den Anschlägen zunächst als vermisst, ihr Mann wurde schwer verletzt in ein belgisches Krankenhaus eingeliefert. Ob weitere Deutsche unter den Opfern sind, ist unklar.

"Dazu bedarf es einer aufwendigen Untersuchung", erklärt Heidi Conzen vom Landeskriminalamt NRW. Vor Ort arbeiten Teams aus Kriminalbeamten, Rechtsmedizinern, Zahnärzten und Röntgenexperten daran, die Identität der Toten oder der möglicherweise komatösen Opfer festzustellen. Sind viele Deutsche betroffen, wird in der Regel die Identifizierungskommission des Bundeskriminalamts (BKA) angefordert. Das ist in Brüssel laut einer BKA-Sprecherin nicht passiert.

Als wichtigste Merkmale, um einen Toten zu identifizieren, gelten Fingerabdrücke, der Zustand der Zähne und ein DNA-Abgleich. Dabei werden Zellen des Verstorbenen benötigt, etwa aus einer Haar- oder Zahnbürste. Auch hilfreich: Operationsnarben, nummerierte Prothesen und Röntgenbilder. Generell wird versucht, "Ante-Mortem-Daten" (vor dem Tod) mit "Post-Mortem-Daten" (nach dem Tod) abzugleichen. Dazu befragen Polizeibeamte vor Ort etwa Verwandte oder durchsuchen Wohnungen.

Eine Übereinstimmung von DNA-Profil oder Zahnstatus ist laut den Richtlinien von Interpol ein primäres Identifizierungsmerkmal und reicht für ein zweifelsfreies Ergebnis. Hilfreich, aber nicht ausreichend sind Indizien wie Tätowierungen, Schmuck oder Kleidungsstücke. Auch eine Personenbeschreibung oder ein Ausweis ist als einziger Beleg nicht verlässlich. Weil alle Daten akribisch dokumentiert und verglichen werden müssen, kann es Tage und Wochen dauern, bis alle Zweifel über die Identität eines Toten oder Schwerverletzten ausgeräumt sind - für die Angehörigen eine extrem schwierige Zeit. Sie brauchen wie auch Betroffene, die bei dem Anschlag verletzt wurden oder ihn miterlebt haben, sofort professionelle Hilfe. "Zunächst einmal reichen menschliche Nähe, Zuspruch und die reine Anwesenheit", sagt der Kölner Psychologe und Traumatherapeut Michael Kopper. Wobei jeder anders mit so einem Ereignis umgehe. "Manche ziehen sich zurück wie ein verwundetes Tier in die Höhle, und wollen mit ihrem Schmerz alleine sein", erklärt Kopper. Andere wiederum kämen überraschend gut mit dem Erlebten zurecht, besitzen starke Selbstheilungskräfte. Sie verarbeiteten das Gesehene allein. Diejenigen aber, die unter Schock stehen, müssten behutsam wieder an den Alltag herangeführt werden. Kopper: "Diese Menschen haben einen großen Kontrollverlust erlitten und müssen wieder lernen zu agieren." Rund eine Woche kann dieser Schockzustand anhalten, sagt der Psychologe, danach folge eine vier bis acht Wochen andauernde Phase des Wiedererlebens. In dieser Zeit fühlen die Opfer das Erlebte nach. "Wenn sie dann nicht in die Normalität zurückfinden, liegt eine Traumatisierung vor", sagt Kopper. Um diese zu bewältigen, bedürfe es speziell ausgebildeter Therapeuten. Ob ein Betroffener es schaffe, mit dem Erlebten zurechtzukommen, hänge von verschiedenen Faktoren ab. Beispielsweise wie stabil das soziale Gefüge ist oder ob weitere negative Erlebnisse die Aufarbeitung belasten. Kopper: "Generell muss man lernen, sich von dem Ereignis zu distanzieren. Wenn man aber beispielsweise ein Kind verloren hat, verfolgt einen das ein Leben lang."

Gerne vergessen wird, dass auch die Helfer vor Ort extremen Belastungen ausgesetzt sind. Auch sie müssen lernen, mit den schrecklichen Bildern, die sich tief ins Gedächtnis einbrennen, umzugehen. "Deshalb brauchen sie auf jeden Fall professionelle Unterstützung", sagt Kopper. Trotz möglicher Schulungen vorab sei eben nicht jeder Mensch gleichermaßen in der Lage, solche Eindrücke zu bewältigen. Anschließende Gespräche allein würden da oft nicht ausreichen, vor allem dann nicht, wenn ein Betroffener nur geringe Selbstheilungskräfte besitze. Kopper: "Tatsächlich gibt es auch viele hilflose Helfer."

Quelle: RP
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