| 07.06 Uhr

London
Das Brexit-Kabinett

London. Ein Polit-Clown vertritt Großbritannien im Ausland, ein "charmanter Mistkerl" führt das Land aus der EU. Von Jochen Wittmann

Genau auf diese Schlagzeile wird es ihr angekommen sein: "May bringt die Brexiteers herein" stand gestern auf der Titelseite des "Daily Telegraph". Die euroskeptische Presse feiert die Kabinettsumbildung der neuen Premierministerin Theresa May. Mit Liz Truss als neuer Justizministerin und Justine Greening als Bildungs- und Frauenministerin berief May zwei Frauen in Schlüsselpositionen. Liam Fox wird Minister des neu geschaffenen Ressorts für internationalen Handel. David Davis soll künftig als Brexit-Minister das Kleinklein der Verhandlungen mit der EU überwachen. Und der große Paukenschlag: Boris Johnson wird Außenminister.

Der Kontinent reibt sich die Augen. Boris Johnson!? Ausgerechnet der Mann, der nach den Worten des Bundesaußenministers, seines Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier, zuerst die Briten in den Brexit gelockt hat, sich dann aus der Verantwortung stahl und lieber Cricket spielen ging? Ausgerechnet der Mann, der als Polit-Clown gilt und noch nie ein Ministeramt bekleidete, soll jetzt als seriöser Staatsmann ernst genommen werden?

Die Personalie wird verständlicher, wenn man sich Johnson etwas näher anschaut. Der 52-Jährige verfügt über ein politisches Kapital wie niemand sonst im Land, denn er mag vieles sein, aber eines ganz besonders: Er ist populär. Jedermann kennt ihn beim Vornamen. Die meisten Briten mögen ihn, auch wenn sie in der Sache mit ihm nicht übereinstimmen würden. Sein Biograf Andrew Grimson urteilte über ihn: "Johnson hat eine Begabung, die man in der Politik kaum je antrifft: Er macht den Menschen bessere Laune. Selbst die Leute, die ihn nicht gewählt haben, fangen an zu lächeln." Indem ihn Theresa May auf einem Spitzenposten im Kabinett installiert, profitiert sie selbst von Johnsons Popularität. Außerdem ist Johnson nicht ganz ohne Regierungserfahrung, denn er hat zwei Amtszeiten als Londoner Bürgermeister hinter sich. Mit dem größten persönlichen Mandat des Königreichs im Rücken leitete er acht Jahre lang die Geschicke der Metropole.

Eine Episode, die sich 2012 während der Olympischen Spiele in London ereignete, illustriert das Boris-Phänomen: Johnson wollte eine 320 Meter lange Seilbrücke im Victoria-Park einweihen. Setzte sich einen etwas lächerlich aussehenden blauen Schutzhelm auf, hängte sich mit Karabinerhaken an den Stahldraht und rutschte los. Blieb auf dem letzten Drittel hängen und baumelte in sechs Metern Höhe am Seil. Man sollte meinen, jetzt wäre er hilflos der Lächerlichkeit preisgegeben. Nicht so Johnson. Der Bürgermeister wedelte mit zwei britischen Fähnchen und hielt eine launige Rede: "Alles bestens organisiert", schrie er, "holt mir eine Leiter!" Die Leute im Park lachten sich scheckig, aber nicht über ihn, sondern mit ihm. Johnson trug wieder einmal zur Heiterkeit bei.

Allerdings bleibt da noch das Problem mit Johnsons lockerem Mundwerk. Ein Beispiel: Hillary Clinton, lästerte Johnson, erinnere ihn an "eine sadistische Krankenschwester in einem Irrenhaus". Und ganz besonders ausfallend wurde er, als er die EU mit Hitler verglich, weil auch die EU ganz Europa unter eine Herrschaft bringen wolle. Als Außenminister kann sich Johnson solche Ausrutscher nicht mehr leisten. Theresa May hat ihn sozusagen zur Bewährung verurteilt.

Neben Johnson ist auch die Personalie David Davis brisant. Er soll Großbritannien aus der EU führen. Der 1948 geborene Davis sitzt seit 1987 im Parlament. Von 1994 bis 1997 bekleidete er das Amt des Außenministers. Kurz nach der Jahrtausendwende war er kurzzeitig Vorsitzender der Tories. Zwischen 2003 und 2008 war er innenpolitischer Sprecher der Partei. In jener Zeit forderte er einmal die Wiedereinführung der Todesstrafe.

Wie die Verhandlungen mit der EU ausgehen werden, weiß Davis anscheinend schon. Im "Daily Telegraph" schrieb er: Am Ende bekämen die Briten das Beste aus zwei Welten. Freien Handel mit der EU, aber eben ohne die Bürokratie und eine Superregierung in Brüssel. Seine Verhandlungsstrategie hat Davis bereits umrissen: Bevor er in Brüssel vorspricht, will er versuchen, die Regierungen in Berlin und Paris bei deren eigenen Interessen zu packen. Das Angebot an die Bundesregierung etwa müsse lauten: "Absoluter Zugang für deutsche Autos und Industriegüter in Großbritannien - im Gegenzug für einen vernünftigen Deal über alles andere."

Quelle: RP
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