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Das Buch von morgen

Das digitale Zeitalter soll jetzt auch in der Buchbranche anbrechen. Verleger und Buchhändler zeigen sich für den Wandel gerüstet. Trotz großen Interesses bei den Verbrauchern lässt der auf sich warten. Von Lothar Schröder

Frankfurt/M. Dicke Freunde werden die Piratenpartei und Deutschlands Buchhändler wohl nicht mehr. Denn bei der Frage über die Freiheit im Internet hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels durchaus konträre Ansichten: Man brauche, so wetterte gestern Börsenvereins-Vorsteher Gottfried Honnefelder, Regeln für die Freiheit im Netz, Maßnahmen also gegen jene, die sich auf der Suche nach Büchern illegal im Netz bedienten. Der Vorschlag: Wer E-Books klaut, muss mit einer Abmahnung des betroffenen Verlags rechnen.

Doch unsere Politik tut dagegen nach seinen Worten "bemerkenswerterweise nichts". Scharfe Töne zur Eröffnung der weltgrößten Buchmesse, doch treiben erste Zahlen über literarische Internet-Piraterie Verlegern und Buchhändlern den Angstschweiß auf die Stirn: Bei 62 Prozent aller aus dem Netz heruntergeladenen elektronischen Bücher (E-Books) – das sind 14 Millionen – geschah dies im vergangenen Jahr illegal. Im Grunde ist das der Abgesang auf ein Verkaufsmodell. Dass er vergleichsweise leise angestimmt wird, hat seinen Grund: Mit E-Books wurde 2010 ein Umsatz von 20,4 Millionen Euro erzielt. Das sind 0,5 Prozent des Gesamtumsatzes unserer Buchbranche. Mit anderen Worten: Die Erregung gilt einem Markt, den es noch gar nicht gibt. Erregung zeigt sich trotzdem, weil alle glauben, dass dieser nach acht Jahren permanenter Ankündigung jetzt doch kommen wird.

Der Schwung soll mit neuen, vor allem: preiswerten Lesegeräten erzielt werden. Ganz vorne dabei in diesem Konkurrenzkampf ist der E-Book-Reader 3.0, den Weltbild und Hugendubel mit 60 Euro ins Weihnachtsgeschäft werfen. Das damit günstigste Gerät soll das Zeug zum "Volksreader" haben; dementsprechend einfach ist es – ohne Touchscreen und Internet. Das Ziel: Mit dem Kaufpreis soll endlich die Hemmschwelle sinken.

Andere Geräte leisten mehr und kosten mehr. Unter 100 Euro schafft es nur noch der Kindle WiFi; am teuersten ist das Apple iPad 2, das sich freilich mit dem einfachen Reader nicht vergleichen lässt. Es wird am Ende stets nur darauf ankommen, was genau der Benutzer mit seinem Lesegerät alles anstellen will oder nicht.

Die gesamte Branche ist im Umbruch (vornehm heißt das Paradigmenwechsel), und die Verantwortlichen haben sich dazu entschlossen, ihn gut zu finden. Also gibt es seit Kurzem auch eine Bestsellerliste für E-Books, deren Titel sich von der gewohnten Print-Hitparade (noch) wenig unterscheidet.

Das könnte sich bald ändern, beispielsweise mit Produkten, die exklusiv als E-Book angeboten werden. Kiepenheuer & Witsch ist jetzt auf der Buchmesse mit seiner neuen Reihe "KiWi eBooks extra". Und ihr Aushängeschild ist "Rangas Welt", eine multimediale Reise durch das Universum des Wissens, dargeboten vom Alleswisser Ranga Yogeshwar für 12,99 Euro. Schwer nostalgisch mutet es aber schon an, wenn in dieser Reihe auch Heinrich Bölls "Nicht nur zur Weihnachtszeit" produziert wird – für lediglich 1,99 Euro.

Mitunter hat man den Eindruck, als wäre die Branche trunken vor visionären Ausblicken. Schlagworte machen wie Zauberwörter die Runde: Von einer künftigen "Bibliothek to go" ist die Rede. Der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, Alexander Skipis, hat vorgeschlagen, verstärkt über das "Prinzip Buch" nachzudenken, also über eine Literatur losgelöst vom Trägermedium. Das erscheint noch weit vorausgedacht, zumal man fürs nächste Jahr mit Optimismus einen Anteil von einem Prozent am Gesamtumsatz anpeilt.

Der Markt bleibt zumindest in Bewegung, und es ist tröstlich, dass es am Ende immer noch auf die Literatur ankommt. Aber die schwächelt. Um sieben Prozent sank laut Branchen-Monitor der Umsatz vom September im Vergleich zum Vorjahresmonat. Besonders betroffen sind dabei die Sachbücher, mit Einbußen von über 35 Prozent im Vergleichszeitraum. Die Ursache: In diesem Jahr fehlt ein verkaufsstarker Aufreger wie 2010 "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin.

Quelle: RP
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