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Analyse
Das Kreuz mit dem Zölibat

Düsseldorf. Mehr als die Hälfte der katholischen Priester leidet unter der Ehelosigkeit und hat zum Teil seelische Probleme. Das ergab eine Studie, über die demnächst auch in der Deutschen Bischofskonferenz beraten wird. Von Lothar Schröder

"Der Karl war gern Pfarrer", sagt Lieselotte Loemke. Bis ihm und ihr die Liebe dazwischenkam. Das war der Anfang eines gemeinsamen und das Ende eines zölibatären Lebens wie auch einer Berufung. Karl Loemke wurde laisiert, wie es heißt, entbunden von den Pflichten und Rechten eines katholischen Klerikers. Liebe gut, alles gut? Keineswegs. Denn das Paar, das vor über 40 Jahren geheiratet hat, setzt sich bis heute mit dieser Entsagung auseinander. Obwohl sie, die 73-Jährige, und er, der 76-Jährige, von einer glücklichen Partnerschaft sprechen, bekennt Karl Loemke, dass er sich nicht sicher ist, ob er diese Entscheidung genau so noch einmal treffen würde.

Das ehelose Leben der katholischen Priester wird immer weniger mit Achtung gewürdigt. Es fällt bestenfalls unter die Rubrik exotische Lebensform. Ohnehin denken die meisten, die darüber reden, an Sex statt an Liebe. Unsere Sicht auf den Pflichtzölibat verstellt den Blick auf die Wirklichkeit der Priester. Dabei hat mehr als die Hälfte der Geistlichen große seelische Probleme.

So lautet das Ergebnis einer neuen und der bislang größten Erhebung dieser Art. Unter Federführung des Chefarztes der Osnabrücker Magdalenen-Klinik, Professor Wolfgang Weig, wurden mit Unterstützung von 22 deutschen Bistümern fast 9000 Seelsorger befragt. Das Ergebnis: 54 Prozent empfinden den Zölibat als nicht erfüllend, sie vermissen eine partnerschaftliche Bindung (59 Prozent), körperliche Intimität (54 Prozent), genitale Sexualität (53 Prozent) und eigene Kinder (52 Prozent). Mehr als ein Drittel der Befragten gab an, psychosomatische Probleme zu haben sowie unter Einsamkeit zu leiden. Der Pornografie-Konsum unter Geistlichen ist nicht gering, was vor allem Ausdruck einer Not und kein Grund zum Feixen ist. Nach froher Botschaft klingen solche Befunde nicht.

Wenigstens existiert kein Zusammenhang zwischen dem Zölibat und dem sexuellen Missbrauch von Kindern, wie das auch frühere Studien bestätigten. "Was der Zölibat bei den Männern anrichtet, ist schon genug; da muss nicht noch eine Perversion hinzukommen", so Weig, der Mediziner, Psychiater und Sexualtherapeut ist.

Dass seit Langem über den Zölibat und seine Notwendigkeit geredet, gestaunt, gestritten wird, macht die Nöte der Betroffenen nicht geringer. Und es hilft wenig, wenn inzwischen Bischöfe ungestraft die Ehelosigkeit als "nie zeitgemäß" (Stephan Ackermann) bezeichnen. Oder wenn erhebliche Zweifel an der tatsächlichen zölibatären Praxis bestehen und volksnahe Pfarrer wie der Geistliche Rainer Maria Schießler zum Bestsellerautor ("Himmel, Herrgott, Sakrament") und zünftigen Dauergast in Talkshows werden mit der Botschaft, er werde nicht zulassen, dass seine Kirche vor die Hunde geht und er auch darum einen freiwilligen Zölibat für richtig hält. Begeisterung und die Liebe zu den Menschen seien nötig, nicht aber die Keuschheit, sagt der Mann aus München.

All das fördert die Diskussion, mehr aber nicht. Mit Blick in die Zukunft droht sie mehr und mehr zu einer Gespensterdebatte zu werden - also zum Streit ohne wirklich Beteiligte. Denn allein im Erzbistum Köln geht man in den kommenden zwei Jahrzehnten fast von einer Halbierung der Priesterzahl aus - auf etwa 230 im Jahr 2035. Der Zölibat dürfte ein Grund dafür sein. Doch die Abschaffung des Pflichtzölibats bliebe wenig überzeugend, wäre sie bloß der Not geschuldet. Ohne andere Lösungsideen dieser für das kirchliche Leben existenziellen Frage bleibt dies aber vorerst der einzige Weg.

Die Debatte um den Zölibat sollte nicht als Stellschraube dienen, mit der die Zahl des priesterlichen Nachwuchses geregelt wird. Es bleibt trotzdem zu bedenken, dass die Ehelosigkeit für Priester erst seit dem ersten Laterankonzil im Jahre 1123 kirchenrechtlich festgeschrieben und seitdem verbindlich wurde. Damit verbunden ist das Ideal der sogenannten kultischen Reinheit: um die "vollkommene und ständige Enthaltsamkeit um des Himmelreichs willen", wie es bei Matthäus heißt. Doch schon im Mittelalter sollen auch fragwürdige Motive zugunsten des Zölibats eine Rolle gespielt haben. Denn es galt, Kirchengüter zu bewahren, indem eine Vererbung des kirchlichen Besitzes an Kinder ausgeschlossen werden konnte. Andere, wie der Heidelberger Religionspädagoge Norbert Scholl, sehen darin zudem eine Art autoritäres Testinstrument. Denn wer sich Eingriffe in sein Intimleben gefallen lasse, dürfte sich auch bei geringeren Gehorsamsfragen gefügig zeigen.

Was aber vor allem bleibt, ist die große Not der schweigenden Priester. Was bleibt, sind die Schicksale von Menschen, die als Seelsorger anderen zur Seite stehen und selbst seelischer Hilfe bedürfen. Demnächst sollen die Ergebnisse der Studie auch in der Deutschen Bischofskonferenz vorgestellt und beraten werden.

Karl und Lieselotte Loemke haben ihren Weg gewählt. Es ist bis heute kein leichter und nicht immer schmerzensfreier gewesen. Zumindest hat es ihnen geholfen, die Fragen, die sie ans Leben stellen, mit anderen zu teilen - etwa in der Initiativgruppe vom Zölibat betroffener Frauen. Über 400 von ihnen haben sich gemeldet: Frauen, die mit ehemaligen Priestern verheiratet sind, deren Priester-Ehemann verstorben ist oder die ihre Verbindung in Heimlichkeit zu einem Priester leben müssen. Auch das gibt es: dass Frauen erst in diesen Gruppen erfahren mussten, dass sie ein Liebesverhältnis mit demselben Priester pflegten. Nirgends, so heißt es, kann man so leicht über die Stränge schlagen wie unter dem Schutzmantel des Zölibats.

Psychische Not, Heimlichkeit und Lüge - all das provoziert die Pflicht zu einer Lebensform, für die das Verständnis schwindet und die viele Betroffene schlichtweg überfordert.

Quelle: RP
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