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Analyse
Das Psychogramm der Deutschen

Berlin. Die Regierung fragte das Volk, wie es leben will. In Bürgerdialogen antworteten fast 16.000 - und legten teils verblüffende Überzeugungen und Erwartungen frei, in denen sich Deutschland von anderen Ländern unterscheidet. Von Birgit Marschall und Gregor Mayntz

In den frühen 80ern rief der damalige US-Außenminister Alexander Haig einen Aufschrei der Empörung vor allem in Deutschland hervor, als er mit der Feststellung provozierte, es gebe "Wichtigeres als den Frieden". Der Nachsatz, das sei der Frieden in Freiheit, ging in der friedensbewegten Bundesrepublik zumeist unter. Es scheint sich um eine Grundkonstante deutscher Befindlichkeit nach den furchtbaren Kriegen auf deutschem Boden und in deutschem Namen zu handeln: Das Wichtigste bleibt der Frieden.

Das fand die Bundesregierung in einem groß angelegten Bürgerdialog heraus, bei dem 15.750 Männer und Frauen sagten, was für sie zu den zentralen Voraussetzungen für Lebensqualität in Deutschland zählt. Ergebnis: "Die Bewahrung des Friedens im eigenen Land, aber auch der Einsatz für Frieden in der Welt wurde von den Menschen am häufigsten genannt."

Das Psychogramm der Deutschen ist nicht immer einfach zu verstehen. Nehmen wir etwa die Einstellung zur Freiheit. Die steht zwar unter der Überschrift, "eigenverantwortlich entscheiden und handeln zu können". Doch geht es - zumindest laut Regierungsbericht - dann nicht in erster Linie um eine Freiheit vom Staat, sondern vor allem darum, dass der Staat den Schutzrahmen liefern soll, damit sich jeder Einzelne frei von Bedrohungen fühlen kann. Auf den Punkt brachte dies der Bürgerdialog des Lesben- und Schwulenverbandes mit dem zentralen Wunsch: "Ich möchte ein Leben ohne Angst. Ohne Angst vor Gewalt in der Öffentlichkeit."

Nach ergänzenden Untersuchungen fühlen sich Frauen in puncto Gewalt unfreier als Männer. Die Furcht vor Kriminalität ist bei ihnen nicht nur bei sexueller Belästigung deutlich stärker entwickelt, sondern auch bei Raub, Einbruch und Körperverletzung. Die Schlussfolgerung stammt ebenfalls aus dem Bürgerdialog: Damit jeder Bürger sich frei von Angst in Straßen, Parks, U-Bahnen und Zügen bewegen könne, müsse die "Präsenz der Polizei erheblich verstärkt" werden. Gut leben in Deutschland, das ist für die meisten: sicher leben zu können.

Verheerend wirkt sich in diesem Zusammenhang die sprunghafte Zunahme der Hasskriminalität aus. Diese Straftaten werden durch gruppenbezogene Vorurteile motiviert, beziehen sich auf Nationalitäten oder Religionen und sind vor allem im Internet binnen eines Jahres um 176 Prozent gestiegen. Wer Hass schürt und dies vielleicht noch mit der Pseudo-Berufung auf "Wir sind das Volk" versieht, verstärkt bei vielen Menschen dieses Volkes also in Wirklichkeit das Gefühl, weniger frei zu sein, weil das friedliche Zusammenleben in Gefahr gerät. Freiheit von möglichen Diskriminierungen - auch das macht für die Deutschen Lebensqualität aus.

Es liegt nahe, dass gutes Leben individuell vor allem mit gesundem Leben gleichgesetzt wird. Ein Gesundheitssystem, das Leistungen ohne zusätzliche oder zu bezahlbaren Kosten anbietet, kommt dem Verlangen der Menschen entgegen. Freilich gerät ein spezifischer Aspekt hinein, der in anderen Ländern möglicherweise als deutscher Neidfaktor verstanden wird: Ein Unverständnis darüber, dass es für mehr Geld auch bessere Leistungen geben kann. "Ein Termin beim Arzt muss davon abhängen, wie dringend der Fall ist, und nicht, wer besser bezahlt", lautete es etwa bei einem Bürgerdialog von Verdi. "Ungerecht" sei die Aufteilung in gesetzliche und private Krankenversicherungen. Die Regierung stellt sich hier auch auf neue Herausforderungen ein, die mit der deutlich gestiegenen Lebenserwartung der Deutschen zusammenhängen.

Auf etlichen Lebensfeldern leben die Deutschen auf den ersten Blick mit Widersprüchen. So etwa, wenn sie weniger arbeiten, aber mehr verdienen wollen, wenn sie eine möglichst perfekte Infrastruktur erwarten und zugleich eine möglichst geringe Schuldenlast. Bei genauerem Hinsehen ergänzen sich individuelle Wünsche mit gesamtgesellschaftlichen Vorstellungen. Mag in den USA das Streben des Einzelnen nach Glück und Reichtum zu den gemeinsamen Überzeugungsmustern gehören, in Deutschland ist es das Verlangen, dass es gerecht zugeht.

Kritisch sehen viele eine "Schere zwischen Arm und Reich". Wie fair die Einkommensverteilung insgesamt ist, bestimmt auch die persönliche Lebenszufriedenheit. Natürlich nicht an erster Stelle. Da geht es darum, genügend Einkommen zu haben, um damit als Familie "gesund und zufrieden" leben zu können. Zum Wohlbefinden gehört denn auch das Gefühl, nicht in Armut zu fallen. Doch der Weg in die andere Richtung ist ebenfalls relativiert. Das emotionale Wohlbefinden der Deutschen sei zwar umso größer, je höher das Einkommen ist - aber nur bis zu einem gewissen Punkt, dann bleibe es gleich, hält der Regierungsbericht fest.

Zum guten Leben gehört vor allem der Wunsch nach mehr Zeit mit der Familie oder auch nach mehr Freizeit überhaupt. Unterschiedliche Lebenswahrnehmungen von Männern und Frauen finden sich jedoch auch in der Arbeitswelt. Während die Frauen lieber mehr arbeiten möchten, wollen die Männer eher weniger. Allerdings ist der Umfang der bezahlten Arbeit bei Männern auch deutlich größer.

Wie schnell die Regierung aus den Erkenntnissen nun konkrete Schlüsse zieht, ist jedoch ungewiss. Die Frage nach einzelnen Gesetzesplanungen als Ergebnis des Bürgerdialogs beantworten die Vertreter der Ministerien mit Achselzucken. Mehr Transparenz und mehr Erklärungen wünschten sich die Menschen von den Politikern, zeigten sich jedoch auch selbstkritisch: "Demokratie ist ein Geschenk, aber es fehlt das Bewusstsein, wie grandios dieses Geschenk ist", hieß es beim Deutschen Naturschutzring.

Quelle: RP
 
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