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Kos
Das Sterben im Mittelmeer hört nicht auf

Kos. Kinder sind häufig die ersten Opfer, wenn Flüchtlingsboote im Mittelmeer sinken. Die Überlebenden kämpfen mit dem Trauma. Von Eva Fischl und Philipp Hedemann

"Ich habe ihrer Mutter doch versprochen, dass ich gut auf sie aufpassen werde. Und jetzt, und jetzt ..." Ali kann den Satz nicht zu Ende sprechen. Als der 33-Jährige auf sein Telefon guckt, bricht er in Tränen aus. Auf dem Display ist ein Foto seines sechsjährigen Sohnes Hussain und seiner vierjährigen Tochter Zainab zu sehen. Zainab liegt zu diesem Zeitpunkt im Leichenhaus, Hussains Körper treibt irgendwo im ägäischen Meer zwischen Kos und Bodrum. Die beiden Kinder sind im Arm ihres Vaters ertrunken, als er sie vor Krieg und Gewalt in Sicherheit bringen wollte.

"Was hätte ich denn machen sollen?", entgegnet Ali auf den Vorwurf, den nur er selbst sich macht. "Wären wir im Irak geblieben, wären meine Kinder jetzt auch tot", sagt der Polizist. An einem Checkpoint in Bagdad entdeckte er vor einigen Wochen mehrere in einem Auto versteckte Schalldämpfer. Der Polizist ließ die mutmaßlichen Attentäter festnehmen. Kurz darauf erhielt er einen Anruf seines Vaters. "Bei Dir zu Hause sind maskierte Männer aufgetaucht. Sie wollen Dich und Deine Kinder töten", sagte der Vater. Ali reagierte sofort und flüchtete mit Hassan (10), Hawra (9), Hussain und Zainab in die Türkei. Zwei Jahre zuvor war seine Frau an Herzversagen gestorben, ihr hatte er geschworen, die Kinder zu beschützen.

In der Türkei wurde der Vater von Menschenschmugglern angesprochen. Sie zeigten ihm das Bild einer großen Jacht. Das Boot sah vertrauenerweckend aus. "Für meine Kinder wollte ich das sicherste Boot. Dafür war ich bereit, jeden Preis zu zahlen", sagt der vierfache Vater. 8000 Euro knüpften die Schleuser ihm für fünf Plätze ab. Kurz darauf brachten sie ihn und seine Kinder nachts an einen einsamen Strand in der Nähe des türkischen Badeorts Bodrum. Doch statt einer seetauglichen Jacht lag dort ein altes, etwa drei Meter langes Schlauchboot. "Da gehe ich mit meinen Kindern nicht drauf", sagte Ali. Als er die Pistole eines Schleusers im Rücken spürte, ging er doch. Zusammen mit elf weiteren Menschen legte das Boot ab. Einer der Menschenschmuggler nahm Kurs auf die Lichter der nur wenige Kilometer entfernten griechischen Insel Kos.

Doch um ihren Profit zu steigern, hatten die Schleuser nicht vollgetankt. Als der Außenbordmotor stotternd ausging, wurde der überladene Kahn manövrierunfähig, Wellen schlugen ins Boot, es verlor immer mehr Luft, Panik brach aus. Als ein Flüchtling die Küstenwache rufen wollte, schlug der Schleuser ihm das Handy aus der Hand. Das Wasser im Boot stieg höher und höher. Hawra und Hassan klammerten sich am sinkenden Boot fest. Ali, der selbst nicht schwimmen kann, versuchte, seine beiden jüngsten Kinder irgendwie über Wasser zu halten. Doch Zainab und Hussein schluckten immer wieder Wasser, verloren im Arm ihres Vaters mehrfach das Bewusstsein. "Schlaf nicht ein", brüllte Ali seinen Sohn an. Der antwortete: "Papa, ich will schlafen."

Als nach Stunden endlich ein Boot der griechischen Küstenwache auftauchte, kletterten Hawra und Hassan entkräftet an Bord, Ali reichte den Rettern zunächst seine Tochter Zainab. Als er selbst an Bord gezogen wurde, entglitt ihm Hussein. "Mein Sohn, mein Sohn, mein Sohn! Er ist da im Wasser", schrie der Vater. Doch in der Nacht konnte niemand einen Sechsjährigen entdecken. An Deck des Rettungsbootes lag seine Tochter Zainab. Die Vierjährige atmete nicht mehr. "Sie sagten mir, dass sie in meinem Arm ertrunken war, aber sie haben nicht mal versucht, sie wiederzubeleben", erzählt der Vater drei Tage, nachdem er zwei seiner Kinder verlor, unter Tränen. Für Hawra und Hassan versucht er, irgendwie zu funktionieren. Es gelingt ihm kaum.

Nachts liegen die beiden Kinder in seinen Armen. Schlaf finden sie nur selten. Denn zur Trauer kommt die Angst. "Der Schleuser, der mit uns im Boot saß, wurde festgenommen. Ich habe gegen ihn ausgesagt. Danach erhielt ich einen Anruf aus der Türkei. Sie wollen mich und meine Kinder umbringen. Wir müssen hier weg. Außerdem kann ich den Anblick dieses Meeres nicht mehr ertragen", sagt der Vater.

Zu Zainabs Beerdigung auf Kos kommen sechs Männer und eine Frau. Sie sind selber Flüchtlinge oder ehrenamtliche Helfer. In der Moschee beten sie mit dem Imam für Zainab und ihren vermissten Bruder. Unterdessen bringt ein Lieferwagen den in Tücher gewickelten Leichnam in einem weißen Kindersarg zum muslimischen Friedhof. Als der Totengräber das Kind aus dem Sarg hebt, zeichnet sich der Körper der Vierjährigen unter dem weißen Leinen ab. Zainabs Vater fällt schluchzend auf die Knie, küsst durch das Tuch ein letztes Mal seine Tochter. Nachdem die Trauergäste das Grab mit Erde gefüllt haben, bricht einer von ihnen einen Zweig von einem Olivenbaum, steckt ihn neben den Stein, der Zainabs Grab markiert.

Ali wird von Omar Mansour, einem griechischen Geschäftsmann mit ägyptischen Wurzeln, gestützt. Zainbas Tod macht ihn traurig und wütend zugleich. "Das Schleusergeschäft ist nichts anderes als organisierter Mord. Der Tod dieser Kinder ist eine Schande für die ganze Welt", sagt Mansour. Hawra und Hassan waren nicht bei der Beerdigung ihrer kleinen Schwester. "Das wollte ich ihnen ersparen", sagt Ali. Er hatte Angst, dass seine Kinder am Anblick ihrer toten Schwester zerbrechen könnten. Ali: "Ich möchte nicht noch ein Kind verlieren."

Nachdem ihre kleine Schwester vor ihren Augen ertrank und sie ihren jüngeren Bruder in den Fluten untergehen sahen, haben Hawra und Hussein zunächst kaum gesprochen. "Am Anfang konnten sie nicht weinen. Sie waren leer, einfach leer", sagt ihr Vater. Statt mit Worten versuchte der zehnjährige Hassan sich über Bilder mitzuteilen. Immer und immer wieder malte der Zehnjährige dasselbe Motiv: Mehrere Menschen schwimmen auf dem Bild im offenen Meer. Einer von ihnen hält zwei kleine Kinder im Arm. Es ist Hassans Vater mit Zainab und Hussain. Auch sich selbst und seine Schwester Hawra hat Hassan gemalt. Unter einem schwarzen Himmel versuchen sie sich über Wasser zu halten. Auf dem langsam untergehenden Schlauchboot sitzt ein Mann mit Bart. Es ist der Schleuser. Ganz am Rand des Bildes ist eine dreiköpfige Familie zu sehen. "Die sind nicht mehr aufgetaucht", sagen die Menschen, die mit im Boot saßen. Auch Hassans Schwester malt. Doch auf ihren Bildern sieht man keine ertrinkenden Menschen, sondern eine Sonne, grüne Bäume und bunte Blumen. Dazwischen hat sie glitzernde Prinzessinnen-Sticker geklebt.

Marina Spyridaki, Psychologin der Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen", betreute Hassan, Hawra und ihren Vater unmittelbar nach dem Schiffsunglück. "Die beiden Kinder versuchen, das Erlebte auf ganz unterschiedliche Weise zu verarbeiten. Während Hassan malt, was geschah, flüchtet Hawra sich in eine heile Traumwelt."

Mittlerweile ist Ali mit seinen beiden Kindern in Athen. Dort kümmert sich eine griechische Hilfsorganisation um die traumatisierte Familie. Rechtsanwältin Antonia Moustaka hat in der griechischen Hauptstadt mit Ali und seinen beiden Kindern für die Familie einen Antrag mit Blick auf die von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker vorgeschlagene Umverteilung von Flüchtlingen innerhalb der EU gestellt. "Eigentlich wollten Ali und seine Kinder in die Schweiz, weil dort bereits seine Mutter, seine Schwester, sein Bruder und sein Neffe wohnen. Aber da die Schweiz kein EU-Mitglied ist, steht Deutschland jetzt ganz oben auf der Liste", sagt Anwältin Moustaka.

Weil Ali und seine Kinder aufgrund der traumatischen Erlebnisse auf der Flucht als besonderer Härtefall gelten, soll ihr Anliegen bevorzugt behandelt werden. Vielleicht können Vater, Tochter und Sohn schon in ein paar Wochen ein Flugzeug in ihre neue Heimat besteigen. Die Kosten für den Flug wird die Internationale Organisation für Migration übernehmen, Ali und seinen Kindern wird so die lange und anstrengende Flucht über die Westbalkanroute erspart bleiben. "Sie begreifen erst allmählich, was passiert ist", sagt Antonia Moustaka. Das Schicksal der Familie nimmt die erfahrene Anwältin sehr mit - auch wenn sie immer wieder mit Eltern zu tun hat, die auf der Flucht Kinder verloren haben. Einmal beriet sie eine Frau, bei der mitten auf dem Meer die Wehen einsetzten. Weil das Kind im Geburtskanal stecken blieb, nahmen andere Flüchtlinge ein Messer zur Hand. Die Frau überlebte den Kaiserschnitt im Schlauchboot. Das Baby nicht.

Quelle: RP
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