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Analyse
Das Versagen einer Supermacht

Washington. Nach dem US-Luftangriff mit mindestens 90 toten syrischen Soldaten eskaliert der Konflikt mit Russland. Auch Donald Trump und seine Leute nutzen jede Schwachstelle Obamas im Wahlkampf gnadenlos aus. Von Henning Rasche und Thomas Seibert

Ein Stellvertreterkrieg sei es, den Russen und Amerikaner in dem komplexen Syrienkonflikt führten. Jürgen Todenhöfer, der umstrittene Publizist, der zuletzt einen obskuren Erlebnisbericht von der Terrormiliz Islamischer Staat verfasst hat, erläuterte in der vergangenen Woche aus Aleppo mal wieder die Welt. Mehr als 100 verschiedene Konfliktparteien kämpfen in dem Bürgerkrieg mit- und gegeneinander. Die Vereinigten Staaten, die dort die Koalition gegen den IS anführen, sind am Samstag dabei offenbar durcheinander geraten. Vier US-Flugzeuge bombardierten wohl versehentlich einen Luftwaffenstützpunkt des syrischen Militärs im Osten des Landes. Mindestens 90 Soldaten des Assad-Regimes sind dabei getötet worden. Seither attackieren sich russische und amerikanische Diplomaten verbal, dass man den Worten vom Stellvertreterkrieg beinahe Glauben schenken mag.

Nicht nur, dass der Luftangriff die ohnehin schon brüchige Waffenruhe im Land gefährdet. Auch das Verhältnis von Russland und den USA erfährt einen neuerlichen Tiefpunkt. In dem Konflikt kämpft Putin an der Seite von Diktator Assad. Auch deshalb reagiert Russland derart verärgert auf den Fehlschlag. Der russische UN-Botschafter Witali Tschurkin bezeichnete den Angriff als "möglicherweise gewollt". Er glaubt, dass der "rücksichtslose" Angriff die Umsetzung der Syrien-Vereinbarung behindern sollte. Tschurkin sagte: "Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was der nächste Schritt sein wird."

Seine amerikanische Kollegin Samantha Power indes warf ihm Effekthascherei vor. "Selbst nach russischen Standards ist die Nummer von heute Abend auf einzigartige Weise zynisch und scheinheilig", sagte sie. Dass Russland überhaupt eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats einberief, empörte sie - angesichts dessen, dass Russland auf unzählige Angriffe auf die Bevölkerung durch das syrische Regime nicht reagiert hatte. Gleichwohl drückte Power das Bedauern der USA für das Versehen aus.

Der Fall aus Ostsyrien zeigt einmal mehr, dass die Vereinigten Staaten sich nicht mehr auf ihre Reputation als Supermacht verlassen können. Der ewige Rivale Russland spart nach amerikanischen Fehlern nicht mit Kritik. Viele weitere Staaten geben ihre Zurückhaltung gegenüber den großen USA auf. In letzter Zeit setzt sich nach Ansicht von Kritikern des scheidenden Präsidenten Barack Obama ein weltweiter Trend zur Demütigung des Landes durch. Russland, China, Nordkorea, die Philippinen und natürlich der Iran tanzten den Amerikanern ungestraft auf der Nase herum, beklagt ein Chor aus Obama-Gegnern. Das angeblich sinkende Ansehen des Landes wird zur Wahlkampfmunition für Putin-Versteher Donald Trump.

Beispiele finden Trump und Co. genug. Die Iraner bedrängen regelmäßig amerikanische Kriegsschiffe im Persischen Golf, ohne dass Amerika reagiert. Ein russischer Kampfjet flog vergangene Woche über dem Schwarzen Meer bis auf drei Meter an eine amerikanische Aufklärungsmaschine heran - Washington ließ bloß verlauten, das russische Verhalten sei gefährlich und unprofessionell. Nordkorea startete einen weiteren Atomtest und könnte laut Experten bald in der Lage sein, mit Nuklearraketen US-Festland zu erreichen. Obama schickt B1-Bomber auf die Halbinsel, aber Kritik aus den USA wird in Pjöngjang als "lächerlich" abgetan.

Selbst auf persönliche Demütigungen reagiere Obama passiv, schwach und mit mangelnder Selbstachtung, wird dem Präsidenten und Friedensnobelpreisträger vorgehalten. Bei Obamas Ankunft beim G20-Gipfel in China musste der mächtigste Mann der Welt die Air Force One über eine Hintertreppe verlassen, weil die Chinesen weder Gangway noch roten Teppich vorbereitet hatten. Obama bat die Journalisten, die Sache nicht so hoch zu hängen. Auch die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton beschwichtigte und sah in Trumps Empfindlichkeit und mangelnder Souveränität einen weiteren Beleg dafür, dass Trump als künftiger US-Präsident völlig ungeeignet wäre.

Nur wenige Tage später beschimpfte der philippinische Präsident Rodrigo Duterte den amerikanischen Präsidenten öffentlich als "Hurensohn", doch die Absage eines geplanten Vier-Augen-Gesprächs zwischen den beiden Präsidenten durch die Vereinigten Staaten beeindruckte Duterte offenbar nicht. Er behauptete, er selbst habe das Treffen storniert. Außerdem forderte er den Abzug von US-Truppen aus seinem Land, das in diesem Jahr rund 120 Millionen Dollar an Militärhilfe aus Washington erhält. Aus Sicht der Konservativen eine weitere Dreistigkeit.

"Man möchte weinen", schrieb der Kolumnist Charles Krauthammer in der "Washington Post" über die seiner Ansicht nach kleinmütigen und schwachen Reaktionen der Obama-Regierung. In der Auseinandersetzung mit Russland, das die Krim annektiert hat und im Verdacht steht, sich mit Hilfe von Cyber-Angriffen auf Computersysteme der US-Demokraten in den amerikanischen Wahlkampf einzumischen, betone der Präsident lediglich die Bedeutung internationaler Verhaltensnormen, schimpfte Krauthammer. Die Russen selbst kümmerten sich in der Regel nicht um solche Normen.

Der Grund für die sich häufenden Provokationen und Zeichen mangelnden Respekts gegenüber den USA liege in Obamas Außenpolitik, in der das Konzept einer entschiedenen Führungsrolle aufgegeben worden sei, kommentierte die konservative Internetseite LifeZette. Obama wolle "von hinten führen", doch das sei falsch. Und so glaubten viele Regierungen, sich alles herausnehmen zu können. "Das kommt davon, wenn man auf der Weltbühne Schwäche demonstriert."

Quelle: RP
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