| 08.01 Uhr

Washington
Den Demokraten droht ein Richtungsstreit

Washington. Worte der Kritik an Hillary Clinton hat sich Elizabeth Warren lange verkniffen. In der Hitze des Wahlgefechts kam für sie nichts anderes infrage, als die Reihen zu schließen, um den Einzug Donald Trumps ins Weiße Haus zu verhindern. Von Frank Herrmann

Also hat sich die Senatorin aus Massachusetts aufgerieben, mehr als einmal hat sie gemeinsam mit Clinton auf Wahlkampfbühnen gestanden, sich die Kehle heiser geschrien, um gegen den populistischen Unternehmer zu polemisieren. Obwohl Warren, im Gegensatz zu Clinton, den linken Flügel der Demokratischen Partei repräsentiert, schien es für ein paar Wochen so, als passte kein Blatt zwischen die beiden. Das wird sich ändern.

Die Harvard-Juristin, die bereits lange vor der Finanzkrise die Casino-Mentalität der Wall-Street aufs Korn nahm, könnte eine entscheidende Rolle spielen, wenn Amerikas Demokraten nach der Niederlage einen Neuanfang suchen. Womöglich führt Elizabeth Warren den Dirigentenstab im Duett mit Bernie Sanders, Clintons härtestem Rivalen im Ringen um die Kandidatenkrone, auch wenn der 75 Jahre alte Held der jungen Linken streng genommen parteilos ist.

Erst einmal steht die Partei vor einem Scherbenhaufen. Nicht nur, dass sie das Weiße Haus nach acht Jahren an die Republikaner verlor. Auch im Kongress bleibt sie in beiden Kammern in der Minderheit. In den 50 Bundesstaaten stellt sie nur noch 15 Gouverneure, halb so viele wie nach Barack Obamas Triumph im Herbst 2008. Schließlich kehrt auch der Supreme Court nach dem jetzigen Patt zu einer konservativen Mehrheit zurück, wenn Trump erst seinen Favoriten für einen vakanten Richterposten benennt.

Wirkt der eklatante Machtverlust zunächst wie ein Schock, wird er schon bald zu einer intensiven Strategiedebatte in den Reihen der Demokraten führen. Es werde, orakelt Joe Trippi, einer der alten Hasen unter der Politikberatern Washingtons, ein mit aller Härte geführter Richtungsstreit entbrennen. Auf lange Sicht sei das gesund für eine Partei, die ihre Seele finden müsse, aber in den nächsten Jahren werde es schmerzhaft sein, sagt Trippi.

Im Kern geht es darum, Lehren aus einem Phänomen zu ziehen. Aus dem Phänomen, dass es einem Milliardär aus Manhattan gelungen ist, sich zum Sprecher der kleinen Leute in der Provinz aufzuschwingen. Zum Champion von jenen, die ihre Interessen traditionell eher von Demokraten vertreten sahen.

Und das hat einen Grund. Aus Sicht der demokratischen Prominenz sei jedes große ökonomische Problem in Wahrheit ein Bildungsproblem: Die Verlierer hätten zu lernen versäumt. Wollten die Armen einen Weg aus der Armut finden, müssten sie eben auf ein College gehen. "Aber natürlich ist das keine Antwort, vielmehr ist es ein moralisches Urteil, herabgereicht von den Erfolgreichen", schreibt der Politikwissenschaftler Thomas Frank in einem Buch. Wann immer die Klasse der Qualifizierten dem Milieu der Benachteiligten vorhalte, dass es mehr Bildung brauche, sage sie im Grunde nur: Die wachsende soziale Ungleichheit ist kein Systemversagen, "sie ist euer eigenes Versagen".

Ähnlich sieht es Michael Gecan, Ko-Direktor eines Netzwerks lokaler Sozialarbeiter und Glaubensgruppen. Die Demokratische Partei werde mittlerweile von Wall Street und Silicon Valley beherrscht. Ihre Helden seien Finanzzauberer, Computerkünstler, berühmte Sportler, kurzum, "selbsternannte Rockstars". "Will sie wieder zu Kräften kommen, muss sie sich der großen Mehrheit von Amerikanern verschreiben, die keine Rockstars sind", rät er.

Bernie Sanders hat das getan, sagten im Juni zumindest seine Anhänger. Bei einem Kräftemessen mit Trump habe er bessere Chancen als Hillary, weil er sich der Sorgen der wirtschaftlich Abgehängten annehme. Auch der Streit des Sommers, so viel scheint sicher, wird noch einmal in voller Schärfe aufleben.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Washington: Den Demokraten droht ein Richtungsstreit


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.