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Dharamsala
Der Dalai Lama wird 80 und bestellt sein Erbe

Dharamsala. Die Frage eines Nachfolgers ist politisch brisant. China plant, einen eigenen Kandidaten zu installieren. Von Klemens Ludwig

Achtzig Jahre alt wird der Dalai Lama am 6. Juli. Trotzdem reist er immer noch um die Welt. Doch immer drängender wird die Frage, was nach ihm kommt und wie er sein Erbe organisiert hat. Einen großen Lebenstraum hat der Dalai Lama noch und ist doch Realist genug, um sich keine Illusionen zu machen, was dessen Erfüllung angeht: "Jeder Tibeter hat das ausgeprägte Bedürfnis, wieder in seine Heimat zurückzukehren. Ich auch. Als buddhistischer Mönch hat man aber nicht viele Bedürfnisse."

Tibet, die Heimat des Mönchs Tenzin Gyatso, der als 14. Dalai Lama amtiert, ist seit 1950 von der Volksrepublik China besetzt. 1959 musste er während des Tibetaufstands endgültig von dort fliehen. Zehntausende starben damals in der Konfrontation mit der Volksbefreiungsarmee. Die Tibeter beklagen, dass insgesamt bis zu 1,2 Millionen Menschen - jeder fünfte Bewohner - Hunger, Terror und Exekutionen zum Opfer gefallen sind. Eine Zahl, die Peking bestreitet.

Die Kommunistische Partei betrachtet den Dalai Lama jedenfalls seither als Staatsfeind Nummer eins. Eine politische Veränderung, die seine Rückkehr ermöglichen würde, ist nicht in Sicht. Deshalb hat der Dalai Lama verkündet, dass eine Wiedergeburt im Machtbereich der Volksrepublik China nicht in Frage kommt. Und sogar eine höchst ungewöhnliche Variante hat er bereits ins Spiel gebracht: Es könnte seine letzte Inkarnation als Dalai Lama sein.

Offenbar eine Reaktion auf die Pläne Pekings. Dort möchte man einen eigenen Dalai Lama präsentieren. Wenn der Amtsinhaber aber schon vor seinem Tode deutlich macht, dass die Inkarnationsreihe der Dalai Lamas mit ihm endet, hätte die chinesische Führung keine Legitimation mehr, einen eigenen Kandidaten zu installieren.

Ob er die Kommunistische Partei damit beeindrucken wird, erscheint jedoch fraglich. In der ihr eigenen Regulierungswut hat sie bereits Vorschriften für die Inkarnation hoher Geistlicher erlassen; ein an sich schon absurder Vorgang, bildet doch der Atheismus eine wichtige Grundlage der kommunistischen Ideologie. Gleichwohl verabschiedete die Partei im August 2007 eine Bestimmung über die "Verwaltung von Reinkarnationen lebender Buddhas im tibetischen Buddhismus". Demnach dürfen wichtige Inkarnationen nur innerhalb der Grenzen der Volksrepublik gefunden werden, und die Partei ist es, die sie legitimiert. Beobachter reagierten schon mit Spott: "Nach Einführung der Geburtenkontrolle gibt es in China nun auch die Wiedergeburtenkontrolle."

Die Tibeter werden einen Dalai Lama von Chinas Gnaden wohl niemals akzeptieren, doch es ist nicht auszuschließen, dass er international anerkannt wird. China ist ein wichtiger Markt, dieses Argument dürfte bei vielen Regierungen wohl den Ausschlag geben.

Zwar hat der Dalai Lama die Forderung nach einer staatlichen Unabhängigkeit Tibets längst aufgegeben, doch das wird in Peking als "unehrlich" abgetan. Offenbar will die Volksrepublik das Tibet-Problem aussitzen. Wenn jedoch keine einvernehmliche Lösung gefunden wird, bleibt Tibet möglicherweise noch für Jahrzehnte ein Konfliktherd. Damit der Widerstand wenigstens gewaltfrei bleibt, wäre der Einfluss einer starken moralischen Autorität wichtig. Doch wer soll diese Rolle künftig übernehmen?

Der Dalai Lama und andere hohe tibetische Geistliche setzen dabei auf den Karmapa. Der 28-Jährige ist das Oberhaupt der Karma-Kagyü-Schule des tibetischen Buddhismus, und er gilt als sehr charismatisch. Ursprünglich stand diese Schule eher in Konkurrenz zum Dalai Lama, der den Gelugpa angehört; vergleichbar Katholiken und Protestanten. Im Exil jedoch sind sie sich näher gekommen.

Quelle: RP
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