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Windhuk
Der erste Völkermord des Jahrhunderts

Windhuk. Deutschland vermied jahrzehntelang, die Massaker an Herero und Nama in Südwestafrika rechtlich zu bewerten. Jetzt hat sich das geändert. Von Godehard Uhlemann

Die Massaker an den Völkern der Herero und Nama in der damaligen deutschen Kolonie Südwestafrika in den Jahren 1904 bis 1908 waren Völkermord. Mit diesem Satz hat die Bundesregierung sich nun erstmals zu den Gräueltaten des Kaiserreichs bekannt. In einer Antwort auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag heißt es, der Begriff spiegele die Position der Bundesregierung wider.

Über Jahrzehnte hatte die Bundesrepublik den Begriff vermieden und nur eingeräumt, dass in deutschem Namen viel Leid über die Menschen Südwestafrikas gebracht worden sei. Die rechtliche Einordnung als Völkermord und eine Entschädigung der Nachkommen hatte sie immer abgelehnt. Begründet wurde das mit der UN-Völkermord-Konvention, die 1951 in Kraft getreten war. Nach bisheriger Lesart konnten nur Ereignisse danach als Völkermord eingestuft werden.

Im Widerspruch dazu hatte der Bundestag vor wenigen Wochen die Massaker an den Armeniern im Osmanischen Reich 1915/16 als Völkermord bezeichnet. Das wiederum rief den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan auf den Plan, der Deutschland vorwarf, mit zweierlei Maß zu messen. Wieso verurteilt der Bundestag die Geschehnisse im Osmanischen Reich, deutsche Gräueltaten in Deutsch-Südwestafrika bleiben dagegen unbenannt? So die bitteren Worte aus Ankara.

In der Zeit von 1884 bis 1915 war Südwestafrika (heute Namibia) eine deutsche Kolonie. Als 1904 die Hereros einen Aufstand gegen die Kolonialherren begannen, schlugen die Deutschen brutal zurück. 100.000 Herero und Nama kamen nach Schätzungen dabei um. Der Clan der Ovaherero hatte den Aufstand begonnen. Hintergrund waren unter anderem Existenznöte der Bevölkerung. Die Herero befürchteten, dass die Kolonialisten immer mehr Land (vor allem gutes Weideland) für sich beanspruchten. Die Rinderzucht war traditionell die Lebensgrundlage der Hereros.

Durch eine Rinderpest waren 1897 die Herden stark dezimiert worden. Viele Familien verarmten, denn sie verloren ihre Lebensgrundlage, ohne Ausweichmöglichkeiten zu haben. Trieben die Einheimischen trotzdem ihre Herden auf Siedlerland, wurden sie mit Gewalt vertrieben. Andere mussten sich zur Lohnarbeit bei schlechter Behandlung auf den Farmen verdingen. Dazu kam eine systematische rassistische Diskriminierung. Es gab Prügelstrafen, Morde und Vergewaltigungen. Viele der Täter wurden gar nicht oder nur milde bestraft. Auf historischen Fotos sind ausgemergelte Körper zu sehen; die Rippen der Brustkörbe stehen hervor, die Gesichter der Menschen sind ausdruckslos.

Die deutsche Schutzmacht in Windhuk registrierte die zunehmende Wut unter der einheimischen Bevölkerung, und sie ahnte eine aufziehende Konfrontation. Aus diesem Grund versuchte sie, die Bewaffnung der Stämme zu unterbinden - vergebens: Anfang 1904 brachen die Kämpfe los. Die deutsche Schutztruppe war anfangs nur rund 2000 Mann stark, auf der Herero-Seite hatten sich rund 8000 Kämpfer versammelt. Sie zerstörten Farmen, töteten die Männer, sicherten aber den Frauen freies Geleit zu. Die Aufständischen gingen gegen Eisenbahnlinien und Handelsstationen vor, kappten die Telegrafenverbindung nach Windhuk und versuchten, den deutschen Nachschub zu unterbinden. Am Ende wurde es ein erbarmungsloser Kampf.

Berlin war alarmiert. Generalleutnant Lothar von Trotha hatte im Juli Gouverneur Theodor Leutwein abgelöst, der bis dahin auch die Schutztruppe befehligt hatte. Leutwein hatte eine politische Lösung angestrebt. Trotha setzte auf kompromisslose Härte. Berüchtigt ist sein "Vernichtungsbefehl" vom 2. Oktober 1904: "Innerhalb der deutschen Grenze wird jeder Herero mit oder ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen. Ich nehme keine Weiber und keine Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volke zurück oder lasse auch auf sie schießen."

Der Großteil der Herero floh in die Omaheke-Wüste. Sie liefen damit in ihren Untergang - das fast wasserlose Gebiet war eine tödliche Falle. Trotha ließ das Gebiet abriegeln, von den Wasserstellen ließ er Menschen und Vieh vertreiben, so dass sie verdursten mussten. Der General setzte auf die vollständige Vernichtung der Hereros. Dieser Plan und von Trothas Vorgehen stellen für viele Historiker und Politiker den ersten Völkermord im 20. Jahrhundert dar. Von den zu Beginn des Aufstandes geschätzten rund 80.000 bis 100.000 Hereros lebten 1911 noch etwa 15.000.

Wie geht es weiter? Auch nach der Einschätzung als Völkermord geht Berlin davon aus, dass allein aus der Anwendung des Begriffs keine Rechtsfolgen für Deutschland entstehen werden. Bleibt die Frage, ob nicht doch eine moralische Verpflichtung zur Entschädigung besteht. Zur Zeit laufen Gespräche zwischen der deutschen und der namibischen Seite. Dazu hieß es aus dem Außenamt: kein Kommentar.

Quelle: RP
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