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Analyse
Der IS ist nicht das größte Problem

Düsseldorf. Spätestens seit den Anschlägen von Paris ist der Westen völlig auf den Kampf gegen den Islamischen Staat fixiert. Das ist zwar verständlich, fördert aber die Fortsetzung des Bürgerkriegs in Syrien und einen Zerfall des Iraks. Von Matthias Beermann

Die militärischen Bulletins lesen sich hoffnungsfroh und künden von Erfolgen gegen den Islamischen Staat (IS): In Syrien soll die Terrormiliz bereits ein Fünftel des Territoriums verloren haben, das sie einmal kontrollierte, im Irak sogar fast die Hälfte. Das irakische Tikrit wurde schon 2015 befreit, Ramadi in diesem Jahr. Nun setzen irakische Regierungstruppen und schiitische Milizen, unterstützt von massiven Luftangriffen der internationalen Anti-IS-Koalition zum Sturm auf Falludscha an, die erste Großstadt des Landes, die im Januar 2014 in die Hände des IS gefallen war. In Syrien wird derweil mit US-Unterstützung ein Angriff syrischer Rebellen auf Rakka vorbereitet, die inoffizielle Hauptstadt des IS.

Das sind militärische Erfolge, kein Zweifel. Aber sie werden teuer bezahlt. Nicht nur mit dem Leben von Soldaten und dem vieler Zivilisten, die bei den Kämpfen umkommen, sondern auch politisch. Denn im Schatten des Kampfes gegen den IS wird schon neues Chaos gesät, die nächste Spirale der Gewalt in Gang gesetzt und damit vermutlich auch die nächste Flüchtlingswelle in Richtung Europa.

Dort verschließt man jedoch die Augen vor dem drohenden Desaster. Ist nur erst der schreckliche IS besiegt, wird alles gut - so lautet die Botschaft. Diese Hoffnung haben die meisten Menschen in Syrien und im Irak dagegen längst verloren. "Sie glauben, dass der Rest der Welt sie und ihr Leiden ignoriert. Der Westen will nur die Terroristen ausgerottet wissen, aber über ihre Sicherheit macht sich niemand Gedanken", fasst Nicolas Hénin die Stimmungslage zusammen. Hénin, ein französischer Journalist und exzellenter Kenner der Region, wurde zwischen Juni 2013 und April 2014 vom IS als Geisel festgehalten. Er glaubt, dass man die militärische Stärke der Terrormiliz im Westen teils grotesk überschätzt. Es handele sich zwar um eine gefährliche Gruppe sunnitischer Aufständischer. In Wahrheit vermöge sie aber nur Gebiete zu kontrollieren, in denen sie auf die Unterstützung der örtlichen Bevölkerung zurückgreifen könne.

Vieles spricht in der Tat dafür, dass der IS entgegen der verbreiteten Wahrnehmung nicht das größte Problem ist. Die negativen Konsequenzen einer Strategie, die dem Kampf gegen den IS alles andere bedingungslos unterordnet, werden dagegen unterschätzt. So ist die Strategie von Syriens Präsident Baschar al Assad, sich als Bollwerk gegen die blutrünstigen Steinzeit-Fundamentalisten, mindestens aber als das geringere Übel zu positionieren, voll aufgegangen. Zu Beginn des Aufstands gegen sein Regime hatte der Diktator Hunderte Islamisten aus der Haft entlassen, um diesem Szenario die nötige Glaubwürdigkeit zu verschaffen und nebenbei die damals noch existierende gemäßigte Opposition zu schwächen. Der Kampf gegen den IS hatte für Assad nie die höchste Priorität und auch nicht für Russlands Präsidenten Wladimir Putin, als der seinem angeschlagenen Verbündeten im vergangenen Jahr mit massiver Militärhilfe zur Seite sprang. Bombardiert wurden vor allem andere Assad-Gegner. In der Propaganda erschien der russische Einsatz freilich wie ein edler Kreuzzug gegen grausame Islamisten. Nachdem Russen und syrische Regierungstruppen die berühmte Ruinenstadt Palmyra vom IS zurückerobert hatten, ließ Putin sogar eigens ein Orchester aus Sankt Petersburg einfliegen, das vor der antiken Kulisse ein Siegeskonzert gab. Es ging ums Symbol. Die Befreiung anderer Städte, in denen Zehntausende Menschen vom IS ausgehungert wurden, wurde dagegen weit weniger energisch betrieben.

Inzwischen steht die Waffenruhe in Syrien nur noch auf dem Papier. Daran tragen alle Bürgerkriegsparteien eine Mitschuld, vor allem aber das Regime. Assad lässt längst wieder auch Krankenhäuser, Flüchtlingslager und Märkte bombardieren - meist fernab von den Stellungen der radikalen Dschihadisten, die derzeit vor allem von den syrischen Kurden bekämpft werden. Die internationale Gemeinschaft ignoriert das geflissentlich und tut so, als hätten die Friedensgespräche in Genf noch eine Chance - eine Farce.

Dabei droht im Irak bald schon ein ähnlich düsteres Szenario. Auch Syriens Nachbar ist dabei, in einen Bürgerkrieg zu schlittern, aber auch hier gilt das Augenmerk des Westens fast ausschließlich dem Kampf gegen den IS. Für viele Iraker sind die Dschihadisten dagegen bis heute nicht die größte Bedrohung. Besonders Sunniten fürchten sich häufig mehr vor den schiitischen Milizen, die für den Anti-IS-Kampf mobilisiert wurden, und von denen einige ihre Befehle direkt aus dem Iran erhalten. Viele dieser irregulären Einheiten haben bestialische Rachemorde an Sunniten verübt oder Sunniten aus gemischtbesiedelten Gebieten vertrieben.

Im Norden, bei Kirkuk, kämpften jüngst noch die vorwiegend sunnitischen Kurden und die schiitischen Turkmenen gemeinsam gegen den IS. Aber schon hat die Rivalität um die zurückeroberten Gebiete zu ersten Gefechten zwischen den Verbündeten geführt, zu Morden und Vertreibung. Es ist kein Geheimnis, dass die Kurden mit einer Loslösung aus dem irakischen Staat liebäugeln. Das wäre aber nicht nur der Zentralregierung in Bagdad ein Dorn im Auge, sondern auch der Türkei und dem Iran. Die unverhohlene Einmischung Teherans hat inzwischen sogar zu Spannungen unter den irakischen Schiiten geführt. Ein Auseinanderbrechen des Landes entlang der ethnischen und konfessionellen Bruchstellen zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden wird wahrscheinlicher. Und eines ist sicher: Es würde keine friedliche Scheidung.

Quelle: RP
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