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Analyse
Der Papst als Islamversteher

Düsseldorf. Franziskus findet, es sei nicht richtig, "den Islam mit Gewalt zu identifizieren". Seine Kritiker raunen entgeistert über "heiligen Unsinn": Er relativiere Terrorakte, indem er ihnen die Taten von Katholiken gegenüberstellt. Von Reinhold Michels

Die Anschläge fanatischer Muslime auf New York und Washington waren unter der weltbekannten Chiffre "11. September" vor 15 Jahren der terroristische Urknall des neuen Jahrtausends. Seither wurden in vielen Ländern Menschen in unregelmäßigen Abständen Opfer von Verbrechern muslimischen Glaubens. Sie hinterließen nicht selten unter frevelhafter Anrufung Allahs einzeln oder zu Gruppen organisiert ihre Blutspuren zwischen Moskau und Madrid, London und Paris, Nizza und Orlando, Brüssel, Würzburg, Saint-Etienne-du-Rouvray und Ansbach.

Da bedarf es schon eines hohen Maßes an geistiger Souveränität und Mut zum politisch Inkorrekten, wenn jemand wie Papst Franziskus frank und frei erklärt: "Ich glaube, es ist nicht richtig, den Islam mit Gewalt zu identifizieren." Gilt denn etwa nicht der böse und auch so böse gemeinte Satz, der nach jedem neuen Terroranschlag von Islamisten immer schneller seine Popularitäts-Runden dreht? Der Satz lautet: Nicht alle Muslime seien Terroristen, aber alle Terroristen seit 2001 seien Muslime gewesen.

Wer dächte bei all dem Schrecken der vergangenen Jahre nicht an jene berühmte Vorlesung des Papst-Professors Benedikt XVI. am 12. September 2006 an der Universität Regensburg? Franziskus' Vorgänger würzte damals seine intellektuelle Leibspeise "Glauben und Vernunft" mit der Zutat "Glauben und Gewalt". Und er landete beim Propheten Mohammed, indem er ein schroffes Zitat eines christlich-byzantinischen Kaisers aus dem 14. Jahrhundert in den Zeugenstand rief. Jener Kaiser sprach zu einem persischen Gelehrten: "Zeig' mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und du wirst nur Schlechtes und Inhumanes finden." Die muslimische Welt bebte, von einer päpstlichen Hasspredigt war die Rede. Der Vatikan hatte verstanden und stellte offiziell klar, der Heilige Vater habe nicht die Absicht gehabt, sich das Zitat des Kaisers Manuel II Palaiologos "in irgendeiner Weise zu eigen zu machen".

Anders als der Kirchenlehrer Benedikt, der seine Worte wägte, gehört Franziskus eher zum Typ Plauderer. In seiner Umgebung, besonders dem theologisch geschulten Kurienpersonal, zuckt man vor allem bei längeren Flugreisen des Pontifex zusammen, wenn dieser in 10.000 Meter Höhe seine - je nach Geschmack - beliebten oder gefürchteten Ad-hoc-Aussagen zu diesem und jenem macht. Den mitfliegenden Pressemenschen saust freudig-erregt der Stift übers Notizbuch, den kurialen Höflingen fährt der Schreck in die Glieder. Die Zyniker unter Letzteren raunen entgeistert über "heiligen Unsinn" des Argentiniers in Weiß, den sie verächtlich und geografisch unzutreffend einen "Copacabana-Theologen" nennen.

Für Franziskus spricht, dass er sich weniger um den Zuspruch der wissenschaftlich versierten Höflinge schert, umso mehr um denjenigen, der sich um die einfachen Gläubigen kümmert. Franziskus hat einmal über sich gesagt, er sei kein besonders helles theologisches Licht. Zu fragen wäre: War das etwa der Zimmermannssohn aus Nazareth, der größte aller Menschenfischer? Als Franziskus, der sein Image als Welt-Pastor pflegt, jetzt auf dem Rückflug von Krakau nach Rom und kurz nach dem abgrundtief scheußlichen Islamisten-Mord an einem alten französischen Priester erklärte: "Ich mag nicht von islamischer Gewalt reden", und hinzusetzte, auch Katholiken begingen Verbrechen, was er jeden Tag bei der Lektüre italienischer Zeitungen erfahre, da schoss es wieder den Zweiflern an diesem Papst durch die gelehrten Köpfe: "Der redet, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, der vermischt und vermengt alles, vergleicht Äpfel mit Birnen."

Die Franziskus-Kritiker erinnern sich dann an sonderbare Papst-Bemerkungen zu "würdevollem Züchtigen" ungehorsamer Kinder oder an seine weit auslegbaren Tipps beziehungsweise "Verkehrsregeln", wonach sich Katholiken nicht " wie Karnickel" vermehren bräuchten. Wer es nicht gut mit dem Papst meint, könnte ihm auch dessen jüngste Bemerkungen über die Grausamkeiten von Auschwitz, die sich seither anderswo fortsetzten, als unzulässige Relativierung des fabrikmäßigen Mordens von Auschwitz-Birkenau auslegen. Hätte das ZDF bei Franziskus eine Interview-Chance, böte sich die Fortsetzung der Reihe "Was nun, Heiliger Vater?" an.

Relativiert der Papst die Schandtaten islamischer Terroristen, indem er ihnen die Untaten getaufter Katholiken gegenüberstellt? Diejenigen, die dem 79-Jährigen unterstellen, er rede, bevor er gründlich nachgedacht habe, und er irritiere die christliche Welt, die sich global als meistverfolgte Religionsgemeinschaft einer Welle von Mord, Entführung, Drangsalierung ausgesetzt sieht, erkennen die jüngsten Äußerungen als weiteren Beleg dafür an, dass der Papst vom anderen Ende der Welt von schlichtem Gemüt sei. Die andere, ungleich größere Gruppe, die Franziskus wie ein Geschenk Gottes wahrnimmt, will ihn auch diesmal vor den Bissen aus der römischen Schlangengrube in Schutz nehmen.

Die Franziskus-Verteidiger sagen: "Der hat doch recht. Man kann nicht den Islam mit Gewalt gleichsetzen." Im Übrigen gebe es, wie es Franziskus soeben auch betonte, in jeder Religionsgruppe eine kleine Gruppe von Fundamentalisten. Unser "Guter Papa Francesco". Lieben wir nicht alle seine Wohlfühl-Statements wie: "Christen und Muslime - wir sind alle Brüder und Schwestern"? Oder, wie 2015 bei einem Gründonnerstag-Besuch in einem römischen Asylbewerberheim vor hauptsächlich muslimischen Insassen: "Auch Muslime gehören zum Volk Gottes." Wer wollte Franziskus widersprechen, wenn er den christlich-islamischen Dialog propagiert und hinzufügt, nötig sei ein Dialog von "Wort, Herz, Händen, ganz einfach"?

Franziskus mag es theologisch mit keinem seiner Vorgänger seit Beginn des 20. Jahrhunderts aufnehmen können, aber sein häufig fahrlässig, großväterlich wirkender Plauderton von Mensch zu Mensch kommt einer Neuauflage von "Melodien für Millionen" gleich. Der fromme Mann in Weiß trifft den Ton der Zeit und den Massengeschmack.

Quelle: RP
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