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London
Der Rassismus danach

London. Der Brexit verändert Europa. Großbritannien hat sich schon verändert: Nationalstolz schlägt um in Hass auf Einwanderer. Von Teresa Dapp

Ein Mann am Postschalter in Bristol, im Südwesten Englands, kurz nach der Brexit-Abstimmung. Hinter dem Schalter eine Inderin. Er sagt zu der Frau: "Endlich haben die Briten mal eine gute Entscheidung getroffen." Und dann: "Wann gehst du nach Hause?"

Was die Bloggerin Mel Ciavucco aus Bristol erzählt, ist in diesen Tagen in Großbritannien kein Extremfall. Auch wenn der EU-Austritt überhaupt nichts mit Indern in Großbritannien zu tun hat, die meist einen britischen Pass haben. "Post-Referendum Racism" wird das Phänomen in den sozialen Netzwerken genannt. Der Rassismus nach dem Brexit-Referendum also, für das EU-Gegner vor allem mit dem Thema Einwanderung auf Stimmenfang gegangen waren.

Miqdaad Versi vom Rat der Muslime in Großbritannien hat in den vergangenen Tagen mehr als 100 Berichte über Fremdenfeindlichkeit zusammengetragen. "Vorher waren die Täter meist Kämpfer an der Computertastatur, die ihren fremdenfeindlichen Kampf online ausfochten. Jetzt tauchen immer mehr Berichte über physische und verbale Zusammenstöße im echten Leben auf", schreibt er im "Guardian".

Es trifft nicht nur Menschen, die nicht weiß sind. Es trifft vor allem Polen und damit EU-Einwanderer, die das Brexit-Lager im Wahlkampf unter anderem als Sozialschmarotzer verteufelt hat. In der Grafschaft Cambridgeshire ermittelt die Polizei, weil Karten mit der Aufschrift "Raus aus der EU - kein polnisches Ungeziefer mehr" aufgetaucht sind. Der polnische Botschafter in London hat sich bereits eingeschaltet.

Es trifft aber auch Italiener, Finnen, Franzosen. Am Londoner Flughafen Heathrow sagt ein Rentner grinsend zu einer Deutschen: "Bald entscheiden wir dann, ob ihr ein Visum bekommt."

Die Polizei bestätigt, was die Berichte nahelegen: Seit dem Referendum vom vergangenen Donnerstag seien auf einer Internetseite für die Anzeige von sogenannter Hasskriminalität 57 Prozent mehr Vorfälle gemeldet worden als noch vor vier Wochen. Das ist keine valide nationale Statistik - aber sie alarmiert. Londons Bürgermeister Sadiq Khan hat Scotland Yard aufgerufen, besonders wachsam zu sein.

Die Politiker distanzieren sich eilig von der Hasswelle. "Wir werden solche Angriffe nicht dulden", sagt Premierminister David Cameron, der Einwanderung fast immer als Problem, selten als Chance beschreibt. "Diese Taten einer engstirnigen Minderheit werden nicht toleriert werden", sagt Camerons möglicher Nachfolger Boris Johnson, der vor dem Referendum als einer der Lautesten "Kontrolle über unsere Grenzen" gefordert hatte.

Freiheit von der Fremdbestimmung aus Brüssel, als Nationalstaat wieder jemand sein in der Welt - das hat in Großbritannien viele bewegt, ihr Kreuzchen bei "Leave" zu setzen, für ein Raus aus der EU. Längst nicht nur die knapp vier Millionen, die vergangenes Jahr bei der Unterhauswahl für die rechtspopulistische Ukip gestimmt haben. Neu ist die Ablehnung des als fremd Empfundenen nicht. Aber die Brexit-Kampagne hat sie verstärkt, sichtbar und in manchen Kreisen wohl auch salonfähig gemacht.

Die Vorfälle haben bereits die Vereinten Nationen auf den Plan gerufen. Der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Seid Ra'ad al Hussein, forderte die britischen Behörden auf, entschlossen gegen fremdenfeindliche Übergriffe vorzugehen. Die Täter müssten bestraft werden, erklärte Seid. Rassismus und Xenophobie seien inakzeptabel.

(dpa)
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