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Verdun
Deutsche? Franzosen? Verdun verschlang alle

Verdun. 100 Jahre nach der blutigen Schlacht in Ostfrankreich wird Besuchern erstmals auch der deutsche Blick auf das Grauen präsentiert. Von Christine Longin

Der Schlamm ist in Verdun überall. Schlamm, in dem die deutschen und französischen Soldaten 1916 versanken. Schlamm, den das Mémorial unter Plexiglas verewigt hat. Nach mehr als zweijährigen Umbauarbeiten hat die Erinnerungsstätte seit Ende Februar wieder geöffnet. "Wir wollten die Erde von Verdun ins Museum bringen", erläutert die Kuratorin Edith Desrousseaux de Medrano ihr Anliegen. Ein Bildhauer hat deshalb den metertiefen braunen Matsch nachgebildet, in dem metallene Geschosse stecken. Mehr als eine Million Granaten schossen die Deutschen allein am ersten Tag ihres Angriffs ab, der am 21. Februar 1916 um 7.15 Uhr mit einem mörderischen Trommelfeuer begann.

300 Tage lang dauerte die "Hölle von Verdun", eine der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs, die insgesamt mehr als 300.000 Tote und 400.000 Verwundete forderte. Noch heute trägt die Kraterlandschaft die Narben des erbitterten Stellungskriegs.

"Vergesst uns nicht", lautete die Botschaft, die der letzte Überlebende Lazare Ponticelli vor seinem Tod 2008 der Nachwelt hinterließ. Französische Veteranen wie er waren es, die in Verdun eine Gedenkstätte wollten. 1967 wurde das Mémorial eingeweiht, das mitten auf dem einstigen Schlachtfeld liegt. "Damals war das eine fast leere Gedenkstätte, die für die Kriegsveteranen einen Bezugspunkt darstellte, aber für das Publikum kaum Erklärungen bereithielt", erläutert die Szenografin der neuen Dauerausstellung, Geneviève Noirot. Im Zuge des Umbaus machte sie das Mémorial zu einem Interpretationszentrum, das auch die Sicht der deutschen Soldaten einschließt.

Deutsche Postkarten, deutsche Stahlhelme, deutsche Gewehre: Erinnerungsstücke von Angehörigen sowie Exponate des militärhistorischen Museums der Bundeswehr in Dresden und des wehrgeschichtlichen Museums in Rastatt ergänzen ab sofort die französische Sichtweise. "Das ist eine kleine Revolution", sagt Kuratorin Desrousseaux. "Doch in den feindlichen Schützengräben erlebte man dieselbe Realität." Die bestand für Deutsche und Franzosen aus miserablen hygienischen Bedingungen, Kälte und Granaten im Sekundentakt.

In drei Sprachen, Französisch, Englisch und Deutsch, sind die Texte unter den rund 2000 Objekten beschriftet, die in der neuen Dauerausstellung zu sehen sind. Unter der Decke hängen sich die Nachbildungen eines deutschen und eines französischen Flugzeugs gegenüber. An der Wand, die an die hunderttausenden Toten erinnert, mischen sich Fotos von deutschen und französischen Opfern, die in Uniform in die Kamera lächeln. "Wir sprechen nicht mehr vom französischen Soldaten, sondern vom Soldaten von Verdun. Das ist eine wichtige Entwicklung", fasst der Leiter des Mémorial, Thierry Hubscher, die neue Gestaltung zusammen.

"Wichtig ist, dass die deutsche Erzählung und Erinnerung der Schlacht Eingang in das Mémorial gefunden hat, das vorher ein Ort rein französischer Erinnerung gewesen war", sagt auch der Düsseldorfer Historiker Gerd Krumeich, der zum wissenschaftlichen Ausschuss der Gedenkstätte gehört. Zum 100. Jahrestag der Schlacht sei die Zeit endlich reif gewesen, um die gemeinsame deutsch-französische Erinnerung zu stärken. "Solange die alten Frontkämpfer und ihre direkten Nachfahren noch lebten, war das nicht möglich."

Einen Schützengraben wollte die Erinnerungsstätte bewusst nicht nachbilden, doch ein Raum erinnert in seiner dunklen Enge an die vorderste Frontlinie. Auch dort mischen sich die Zeugnisse des Schreckens auf beiden Seiten. "Ich habe Angst. Ist Verdun nicht ein Menschenfresser?", steht da als Zitat eines französischen Soldaten. "Mama, warum hast du mich zur Welt gebracht? Warum muss ich Solches miterleben?", fragt sich daneben ein deutscher Soldat. Dunkel ist es im Erdgeschoss - ganz bewusst. Gefechtslärm unterstreicht die bedrückende Atmosphäre an der Front. "Das Schlachtfeld" heißt dieser Bereich, der das Kampferlebnis der Infanteristen wiedergibt. Im Mittelpunkt steht ein fast 100 Quadratmeter großes Bildschirmmosaik, das die erbitterten Kämpfe bis zur Rückeroberung des Fort Douaumont durch die Franzosen im Oktober 1916 nachzeichnet.

Dunkelheit und Gefechtslärm lassen die Besucher des Mémorials erst im neuen Dachgeschoss hinter sich, das ganz aus Glas besteht und den Blick auf die ehemaligen Schlachtfelder der Umgebung freigibt. Zu sehen ist von dort aus auch das Beinhaus, jenes helle Gebäude der 30er Jahre, in dem die Überreste von rund 130.000 unbekannten Soldaten aus Deutschland und Frankreich liegen. Über die eigenwillige Architektur des "Ossuaire" ist viel spekuliert worden, doch eine Interpretation hat sich durchgesetzt: die eines Schwertes, das in die Erde gesteckt wurde und von dem nur noch der Schaft herausschaut. Durch kleine Fenster am Boden sind noch die weißen Knochen der anonymen Opfer zu erkennen. Darüber erinnern in der gewölbten Halle, die zur Gedenkstätte geworden ist, Namensschilder an die Toten. Es sind alles französische Namen bis auf einen: Peter Freundl kam 2014 als erster Deutscher dazu.

Überhaupt war das Gedenken an die Schlacht von Verdun über Jahrzehnte vor allem ein französisches. Erst 2009 wurde am Fort Douaumont, jener entscheidenden Festung, auch die deutsche Flagge aufgezogen. Eine "hochsymbolische Aktion" sei das gewesen, erinnert sich der Düsseldorfer Historiker Gerd Krumeich, "Das hat damals auch zu Protesten geführt, aber das Symbol ist doch intakt geblieben."

Dass eine gemeinsame Erinnerung möglich ist, hatten François Mitterrand und Helmut Kohl 1984 zum ersten Mal mit ihrem historischen Handschlag vor dem Beinhaus von Verdun gezeigt. "Wir haben uns versöhnt. Wir haben uns verständigt. Wir sind Freunde geworden", steht heute noch als deutsch-französisches Vermächtnis der beiden Staatsmänner auf einer Bronzeplatte

Zwei Kilometer vom "Ossuaire" entfernt liegt eines der neun Geisterdörfer, die 100 Jahre danach noch stumme Zeugen des Krieges sind. Die rund 400 Einwohner von Fleury-devant-Douaumont hatten zu Beginn der Kämpfe ihre Häuser verlassen und sind nie zurückgekehrt, denn ihr Dorf wurde dem Erdboden gleichgemacht und nicht wieder aufgebaut. Stelen erinnern an die Orte, wo früher ein Bauernhof oder das Rathaus stand. Neugebaut wurde 1979 lediglich eine Kapelle an der Stelle der damaligen Kirche, der "Jungfrau von Europa" geweiht. Besucher werden gebeten, auf dem Weg zu bleiben, der einst die Hauptstraße des Ortes war, denn im Boden liegen immer noch Munition und Leichen.

Die Überreste von insgesamt rund 80.000 Toten werden noch in der Erde vermutet. "Dieses Schlachtfeld bleibt auf Dauer ein Ort der Erinnerung an die Zerstörungskraft und Absurdität des Krieges", sagt Historiker Krumeich. Am 29. Mai kommen Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande zur offiziellen Einweihung des Memorials nach Verdun. Auch sie werden wie einst Kohl und Mitterrand eine Friedensbotschaft aussenden. Etwas anderes ist zwischen den Überresten des Grauens auch nicht möglich. "Wer das Schlachtfeld sieht und weiß, was dort geschehen ist, kann nur noch den Frieden wollen", sagt Krumeich.

Quelle: RP
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