Serie "60 Jahre Bundesrepublik": 1968 – die große Revolte
VON FRANK VOLLMER - zuletzt aktualisiert: 06.03.2009 - 15:17Ans (RP). Gegen Ende der 60er Jahre erschüttert eine Protestwelle die Republik. Die junge Generation reibt sich am Lebensmodell ihrer Eltern, an den scheinbaren Selbstverständlichkeiten in Gesellschaft und Politik. Die Revolution bleibt zwar schon in den Anfängen stecken, aber die Ideen von Achtundsechzig wirken lange nach, im Guten wie im Schlechten.
Mikrofon tritt ein junger Mann mit halblangen, dunklen Haaren. Er redet. Er doziert. Er predigt. Wir sind in Berlin, das Jahr ist 1967, der Redner ist Rudi Dutschke. Während er spricht, steigt die Erregung im Publikum. Zuhörer sind nicht nur Studenten, sondern auch zwei Professoren: der Politikwissenschaftler Hans Maier und der Historiker Karl Dietrich Erdmann. Auch der Protestant Erdmann, sonst als zurückhaltend bekannt, ist ergriffen. Schließlich beugt er sich zu Maier herüber und flüstert ihm zu: "Der junge Luther! Der junge Luther!"
Der Studentenführer Dutschke ist ein Charismatiker, ein begnadeter Redner, der die Massen mitreißen kann. Und er rebelliert – mit der Unbedingtheit des Erleuchteten. Dutschke ist zwar nicht fromm, aber zumindest christlich geprägt. Er glaubt, dass er eine politische Religion verkauft. Damit ist er der ideale Protagonist der großen Revolte von 1968. Der Historiker Erdmann, alles andere als ein Revolutionär, sondern knochenkonservativ, erkennt das sofort.
Es ist keine geringe Ironie der Geschichte, dass die Bewegung, die man heute unter dem nüchternen Zahlwort "Achtundsechzig" zusammenfasst, die Geschichte mit religiöser Sicherheit auslegte, zugleich aber die christlich-kirchliche Prägung der Bundesrepublik als eine von vielen Traditionen auf dem Müllhaufen der Geschichte entsorgen wollte. Achtundsechzig entstand überhaupt erst – lange vor 1968, mit langer Anlaufphase –, als sich die Kinder vornehmlich bürgerlicher Familien am Lebensmodell ihrer Eltern rieben, das sie als spießig ablehnten. Achtundsechzig entstand aus dem unbehaglichen Gefühl einer Generation, in der Bundesrepublik nicht genügend gehört zu werden, und manchmal auch aus der Wut darüber, dass Fragen über die NS-Vergangenheit nicht beantwortet oder gar nicht erst gestellt wurden. Achtundsechzig war außerdem Protest gegen die Eskalation des Vietnamkriegs unter Führung der USA. Und weil die Große Koalition im Bundestag mit ihren Mehrheiten alle Kritik zu erdrücken schien, formierte sich der Protest unter dem Namen "Außerparlamentarische Opposition", kurz: Apo. Achtundsechzig ist die große Revolte gegen die scheinbaren Selbstverständlichkeiten in Gesellschaft und Politik.
So eine Selbstverständlichkeit ist etwa, dass Anfang Juni 1967 Persiens Schah Mohammed Reza Pahlevi mit allen Ehren in Berlin empfangen wird. Der Schah ist Träger des Großkreuzes des Verdienstordens der Bundesrepublik. Der Schah hat aber auch in seinem Land ein Terrorregime errichtet, er lässt entführen, foltern, morden. "Schah, Schah, Scharlatan", rufen deshalb die Studenten vor der Deutschen Oper in Berlin, als Pahlevi zur "Zauberflöte" vorfährt.
In Minuten eskaliert die Situation. Vom Schah bestellte iranische Geheimdienstler ("Jubelperser") dreschen auf die Demonstranten ein, unbehelligt von der Polizei, die stattdessen selbst Jagd auf die Studenten macht. Eine halbe Stunde später schießt Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras in einer Seitenstraße dem Demonstranten Benno Ohnesorg in den Hinterkopf. Ohnesorg stirbt im Krankenwagen.
Die Stunden von Berlin radikalisieren die Proteste in ganz Deutschland. "Das postfaschistische System in der BRD ist zu einem präfaschistischen geworden", schreibt der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), wichtigste Gruppe der Apo. Die studentische Wut richtet sich gegen die Presse, vor allem gegen den Springer-Verlag, der zuvor Stimmung gegen die Protestler gemacht hatte. "Enteignet Springer" ist fortan auch ein Schlachtruf der Revolte.
Ihr wichtigster Schauplatz sind die Hochschulen. An den Universitäten tobt in den folgenden Monaten, was Hans Maier einen "Krieg der akademischen Stände" genannt hat. Vielerorts kollabiert der Lehrbetrieb, der Protest wird zum Tribunal: Professoren werden mit Eiern beworfen und kommen daraufhin im Drillichanzug zur Vorlesung. Studenten blockieren die Hörsäle, besetzen die Rektorate. So auch in Frankfurt am Main. Die reaktionärer Anwandlungen unverdächtige "Frankfurter Rundschau" ätzt tags darauf: "Ein Rektorzimmer vollkotzen ist kein revolutionärer Akt." Aber die Studenten meinen es ernst. Ihre Forderung nach Uni-Reformen erweitert sich schnell zum Bedürfnis, die Grundlagen der Gesellschaft in Frage zu stellen.
"Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren" steht auf einem Transparent, das zwei Hamburger Studenten im Dezember 1967 bei der feierlichen Amtsübergabe an den neuen Rektor entrollen. Der Spruch wird zum geflügelten Wort, das den Unmut einer ganzen Generation auf den Punkt bringt. Das schließt bisweilen auch Fundamentalkritik am politischen System der Republik ein – das Parlament gilt den Extremisten in der Apo bloß als bourgeoise Schwatzbude.
Im Frühjahr 1968 steht die Revolte auf dem Kulminationspunkt. Am Gründonnerstag schießt der Hilfsarbeiter Josef Bachmann, 23 Jahre alt, auf Rudi Dutschke und verletzt ihn schwer. "Springer hat mitgeschossen", steht am Karfreitag auf den Protestplakaten vor dem Verlagshaus in Berlin, und: ",Bild' lud die Pistole". Auch Gewalt gilt den Demonstranten jetzt als legitim: Sie zünden Springers Lieferfahrzeuge an. "Rache" nennt der SDS das. In Hamburg taucht ein Flugblatt auf: "Macht aus Hamburg endlich Paris." In Frankreich brennen die Barrikaden; das Land taumelt an den Rand einer echten Revolution.
So weit aber kommt es in Deutschland nicht. Die Revolte der Achtundsechziger fällt der Urkrankheit jedes Radikalismus anheim: Sie zersplittert. Die neue Ordnung versackt in endlosen Theoriescharmützeln über Marxismus und Trotzkismus und Anarchismus und Sozialismus. Nie habe es eine dümmere Revolution gegeben als diese, wird später der konservative Publizist Johannes Gross spotten.
Ein weiteres Problem: Der harte Kern der Rebellen, also jene, die nicht nur von dem diffusen Gefühl geleitet sind, dass sich irgendetwas ändern müsse, sieht sich als revolutionäre Avantgarde, um die Arbeiter aus der kapitalistischen Unterdrückung zu befreien – Marx und Engels sind die Namen der Stunde. Allein: Das Proletariat will sich gar nicht befreien lassen. Die aufmüpfigen Studenten sind für die Arbeiter schlicht Chaoten. Und der Mittelstand, von der ersten Wirtschaftskrise der bundesrepublikanischen Geschichte zusätzlich verunsichert, läuft den Rechten in die Arme. Die NPD erzielt sieben Prozent in Niedersachsen, knapp neun in Bremen, fast zehn in Baden-Württemberg. Zudem entzieht der Erfolg der SPD bei der Bundestagswahl 1969 der Revolte ein Stück ihrer Grundlage, weil Willy Brandt die Unzufriedenheit in parlamentarische Bahnen lenkt und seiner Reformpolitik dienstbar macht.
Trotzdem bleibt Achtundsechzig nicht folgenlos. Zwei Dinge hinterlässt es seiner Republik: die allgemeine Politisierung der jüngeren Generation, die fortan vor allem Willy Brandts Sozialdemokraten zugutekommt – und, als Abfallprodukt, den Terror der "Rote Armee Fraktion" (RAF). Aus den Trümmern des großen Protests recken bald Andreas Baader, Gudrun Ensslin und die anderen dem Staat ihre Faust und ihre Pistolen entgegen. Ihr Credo: Was die verkopften Studenten mit ihren Demos, Sit-Ins und Puddingwürfen nicht geschafft haben, das besorgt die Gewalt. In Frankfurt zünden sie zwei Kaufhäuser an; das bringt sie vor Gericht. In ihrem Schlusswort zitieren sie Friedrich Nietzsche: "Du sollst an die Macht denken." Auch Dutschke, das zeigen neuere Forschungen, sind solche Gedanken zumindest nicht ganz fremd.
Nichts hat Achtundsechzig in den Augen der großen Mehrheit so gründlich diskreditiert wie diese zwar verschlungene, aber durchlaufende Verbindungslinie zu Gewalt und Terror. Über Achtundsechzig wird weiter erbittert gestritten – zuletzt zu beobachten im Jahr 2001, als Fotos eines Frankfurter Studenten auftauchen, der Polizisten verprügelt. Joseph Martin Fischer heißt der Mann, und er ist damals Außenminister. Die lange Welle, in der die Revolte ausgelaufen ist, hat ihn ins Amt gebracht.
34 Jahre nach 1968 gibt der Berliner Jura-Professor Uwe Wesel seinem Buch über Achtundsechzig den doppeldeutigen Titel "Die verspielte Revolution". Nicht von ungefähr: Ein intellektuelles Vorhaben wie Achtundsechzig ist in Teilen durchaus ironiefähig. So in Gestalt des Frankfurter Anarchisten Hans-Peter Ernst. Er schreibt 1968 über seine Splittergruppe: "Wir sind die krankhaftesten Neurotiker unserer Zeit. Nur haben wir einen großen Vorteil: Wir wissen es." Dutschke, Baader und all die anderen dagegen wissen es nicht. Sie meinen es ernst, bisweilen todernst. Nicht zuletzt deswegen ist Achtundsechzig zunächst gescheitert. Aber Achtundsechzig wirkt – noch nach Jahrzehnten, und es wirkt indirekt, indem es den allgemeinen Wertewandel aufgreift, ihn beschleunigt, zuspitzt, politisiert. 1968 war nur der erste Anlauf.
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