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Wahl des Bundespräsidenten: 69 Prozent würden Köhler wählen

VON SVEN GÖSMANN - zuletzt aktualisiert: 20.05.2009 - 21:12

Düsseldorf (RPO). Vor fünf Jahren fragten sich alle "Horst...wer?" Wenige Tage vor seiner wahrscheinlichen Wiederwahl in der Bundesversammlung aber erzielt Bundespräsident Horst Köhler im Volk enorme Zustimmungswerte. Die Politiker dagegen fremdeln immer noch mit dem Außenseiter.

Der Präsident hat gute Laune. "Sind Sie nervös?", fragen die Reporter. "Fehlanzeige", antwortet Horst Köhler. Noch drei Tage,­ dann wählt die Bundesversammlung im Berliner Reichstag den neuen Bundespräsidenten. Behalten die Vorhersagen recht, heißt er wieder Horst Köhler. Die Köhler-Fans im bürgerlichen Lager jedenfalls wetten nur noch um die Frage, ob er es trotz der knappen Mehrheit von CDU/CSU, FDP und Freien Wählern im ersten Wahlgang schafft, 613 der insgesamt 1224 Wahlmänner und -frauen auf sich zu vereinigen oder ob er gegen seine von Rot-Grün getragene SPD-Herausforderin Gesine Schwan eine zweite oder gar dritte Runde braucht.

Diese Siegesgewissheit im Köhler-Lager ist relativ jung. Lange während seiner 2004 begonnenen ersten Amtszeit zögerte Horst Köhler mit der Entscheidung, ob er wieder antreten sollte, erst im Mai vergangenen Jahres gab er seine erneute Kandidatur bekannt. Genauer gesagt: Köhler rang sich durch, weil er wieder an sich glaubte und ein neues Selbstverständnis im Amt entwickelt hatte.

Denn der Horst Köhler, der sich am kommenden Samstag zur Wiederwahl stellt, ist nicht mehr der Mann, der vor fünf Jahren ins Amt kam. 2004 wurde Köhler von Oppositionschefin Angela Merkel und ihrem Duzfreund Guido Westerwelle auserkoren. CSU-Chef Edmund Stoiber nickte die Personalie nach einigem Zögern auf dem Sofa in Westerwelles Berlin-Charlottenburger Penthouse ab, während er missbilligend die Bilder der jungen deutschen Wilden im Wohnzimmer des Oberliberalen betrachtete.

Es war eine ungewöhnliche Entscheidung für einen Mann aus der allenfalls zweiten Reihe: bessarabisches Flüchtlingskind aus kleinsten Verhältnissen, Volkswirt, CDU-Mitglied, Finanzstaatssekretär, Osteuropabank, dann Chef des Internationalen Währungsfonds ­ ein Ingenieur der Globalisierung. Genau deswegen verkörperte er nach Ansicht Merkels und Westerwelles den idealen Pionier der liberal-christdemokratischen Wende.

Köhler wurde gewählt, auch damals schon gegen Gesine Schwan. Merkel wurde ein paar Monate später ebenfalls gewählt, allerdings nicht in der Wunschkonstellation mit Westerwelle, sondern in der ungeliebten Großen Koalition.

Fortan hing Köhler wie ein trauriger Scout der nicht zustande gekommenen schwarz-gelben Modernisierungsarmee weit vor der Truppe in der Luft. Ohne politische Unterstützung, ohne mediales Wohlwollen irrlichterte er durch den Beginn seiner Amtszeit.

Prompt ließ er die erste Chance zum großen Auftritt ungenutzt, als er 2005 mit einer Untergang-des-Abendlandes-Rede den Bundestag auflöste und dem gescheiterten Bundeskanzler Gerhard Schröder die angestrebten Neuwahlen ermöglichte. Die überzogene Dramatik dieser Rede hält Köhler heute für seinen größten Fehler im Amt.

Danach ignorierten die Parteipolitiker von links bis rechts Köhler weitgehend. Die Bezeichnung "Sparkassendirektor" für den ehemaligen Sparkassen-Verbandschef wurde in Berlin salonfähig. Köhler reagierte erst verletzt, dann trotzig. Er revanchierte sich, indem er seinerseits die Parteipolitik ignorierte und einen Pakt mit dem Volk schloss. "Notfalls unbequem" wolle er sein, hatte Köhler zum Amtsantritt verkündet, und das wurde er dann auch. Er unterschrieb mehrere Gesetze wegen Verfassungsbedenken nicht, attackierte "die Politiker" wegen falscher Versprechungen und unterbliebener Reformen bei Bildung und Integration, reiste demonstrativ häufig nach Afrika, um auf die Verlierer der Globalisierung aufmerksam zu machen.

Seine elegante Frau Eva Luise wurde beim Neustart zu seiner wichtigsten Verbündeten. Zwei vornehme Herrschaften aus dem Schloss Bellevue rümpften da gemeinsam mit dem deutschen Volk die Nase über die ewigen Streithähne in der niederen Politik.

Immer häufiger ging Köhler raus zu den Menschen, suchte Begegnungen und drehte so auch die Wahrnehmung der Medien. Sieht man ihn jetzt auf Marktplätzen und in Firmenhallen, wirkt er wie ein interessierter, in der Familie beliebter, entfernter Onkel, der sich beim Neffen nach Schulnoten erkundigt. Er ermuntert, klopft Schultern, schüttelt Hände. Das kommt an: Längst fliegen ihm die Herzen zu. Die Bundesbürger fanden und finden es zudem sympathisch, dass Köhler vor Kameras eher hölzern wirkt, seine Reden nicht wie Westerwellsche Rhetorikperlen glattgeschliffen sind, sondern voll falsch betonter Substantive stecken.

Seine dritte Chance bekam Köhler seit September 2008 mit der Finanz-, die zur globalen Wirtschaftskrise wurde. Der Kenner der Wall Streett geißelte das gierige "Monster", forderte Strafen für Manager und Reformen auf den Finanzmärkten. So fand der das Thema für den Rest seiner Amtszeit, seinen unausgesprochenen Wahlkampf mit Gesine Schwan ­ und wohl auch für eine zweite Amtzeit im Schloss Bellevue.


 
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