"Taliban überall auf dem Vormarsch": Gerät Afghanistan außer Kontrolle?
VON ANDRE SCHALL - zuletzt aktualisiert: 12.08.2009 - 11:10Düsseldorf/Kundus (RPO). Die Lage in Afghanistan droht außer Kontrolle zu geraten. Der neue NATO-Befehlshaber der ISAF-Truppen räumt ein, die Taliban hätten die Oberhand gewonnen. Auch der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr sieht die Aufständischen "überall auf dem Vormarsch". Verteidigungsminister Jung widerspricht diesen Einschätzungen. Dennoch nimmt die Gewalt überall zu.
Noch gut eine Woche ist es bis zur Präsidentenwahl in Afghanistan am 20. August. Bis zu diesem Zeitpunkt sollte die Lage am Hindukusch laut Fahrplan der ISAF-Truppen eigentlich stabilisiert sein. Die Realität sieht allerdings anders aus. Die Zahl der gewaltsamen Gefechte im Land hat deutlich zugenommen und auch auf bislang vergleichsweise ruhige Teile des Landes übergegriffen.
Jüngstes Beispiel: In der Nacht zu Mittwoch stürmten die Taliban eine Polizeiwache im nordafghanischen Kundus und töteten drei Beamte, darunter den Polizeichef. Dem Verwalter des Distrikts Dascht-e-Archi Scheich Saduddin zufolge kam es in der Nacht zu einem vierstündigen Feuergefecht mit den radikalen Islamisten. Die Taliban seien geflohen, als Verstärkung der Polizei eingetroffen sei. In der bislang als eher ruhig geltenden Provinz ist die Bundeswehr im Einsatz.
Bei einem Bombenanschlag im Süden Afghanistans sind zudem zwei Journalisten der Nachrichtenagentur AP verletzt worden. Der Fotograf Emilio Morenatti und der APTN-Mitarbeiter Andi Jatmiko waren am Dienstag als sogenannte eingebettete Journalisten mit den US-Streitkräften unterwegs, als ihr Fahrzeug von der Bombe getroffen wurde. Der 40-jährige Spanier Morenatti wurde schwer am Bein verletzt. In einer Operation im Militärkrankenhaus von Kandahar musste ihm ein Fuß abgenommen werden. Sein 44-jähriger indonesischer Kollege erlitt Verletzungen am Bein, außerdem brach er sich zwei Rippen.
Die Eskalation der Gewalt hatte den neuen NATO-Befehlshabers der ISAF-Truppen, US-General Stanley McChrystal im "Wall Street Journal" bereits zuvor zum Eingeständnis bewegt, die Taliban hätten die Oberhand in Afghanistan gewonnen. Sie seien nun auch zunehmend im Norden und Westen des Landes eine Bedrohung.
"Müssen die Initiative ergreifen"
Auch der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr, General a.D. Harald Kujat, warnte vor der zunehmenden Gefahr durch die Taliban. Sie seien "überall auf dem Vormarsch", auch im Norden Afghanistans, sagte Kujat der "Bild"-Zeitung. Darauf müsse die Bundeswehr reagieren: "Wir müssen unbedingt die Initiative ergreifen, dürfen uns nicht von den Taliban diktieren lassen, wann und wo sie uns angreifen"
Der General mahnte, keine falschen Rücksichten zu nehmen: "Niemand darf sich von Entscheidungen abhalten lassen, nur weil wir vor Bundestagswahlen stehen und das vielleicht Stimmen kosten könnte." Zu den richtigen Entscheidungen gehöre auch, den Soldaten mehr Ausrüstung und Gerät zu Verfügung zu stellen. Kujat sagte: "Moderne Streitkräfte wie unsere sollten über einen Informationsvorsprung verfügen - dann würden sie kaum in Hinterhalte geraten."
Verteidigungsminister Jung wiegelte allerdings ab. Der CDU-Politiker widersprach den Einschätzungen McChrystals und Kujats, wonach die Taliban in Afghanistan vor einem möglichen Triumph stünden. "Ich will nichts verharmlosen, aber diese Einschätzung teile ich nicht", sagte er der "Neuen Osnabrücker Zeitung". Tatsache sei, dass im Norden Afghanistans, wo die Deutschen die Verantwortung trügen, zwölf Prozent der Distrikte als kritisch einzustufen seien. Auch in den anderen Landesteilen habe sich die Sicherheitslage verschärft. Das heiße aber nicht, dass die Taliban die Oberhand gewonnen hätten.
Jung in der Zwickmühle
Jungs Vorsicht im Umgang mit den Schreckensszenarien am Hindukusch ist einerseits verständlich. Daheim stehen im September Bundestagswahlen an - und Jung hat versprochen, dass derzeit keine Aufstockung der deutschen Afghanistan-Einheiten geplant sei. Nun in den Chor der vermeintlichen "Pessimisten" einzustimmen, würde Fragen aufwerfen, inwieweit diese Zusage einzuhalten ist. Kritiker fordern schon lange eine Verstärkung der deutschen Einheiten und die bessere Ausrüstung der Soldaten.
Auf der anderen Seite bewegt sich der Verteidigungsminister mit seinen Aussagen am Rande der Glaubwürdigkeit. Wenn sogar US-General McChrystal Alarm schlägt, will das schon etwas heißen. Solch kleinlaute Töne, die schon fast eine mögliche Teil-Niederlage am Hindukusch implizieren, gab es bislang von den siegessicheren US-Militärs nicht zu hören. Es muss gefragt werden: Kann Jung die Lage wirklich besser einschätzen als der Truppenführer vor Ort?
Neue Offensive der US-Militärs
Unterdessen hat die US-Armee erneut eine Offensive gegen Aufständische im unruhigen Süden des Landes gestartet. Der Einsatz "Östliche Entschlossenheit II" habe Mittwochfrüh im Bezirk Naw Sad in der Provinz Helmand begonnen. Neben 400 US-Soldaten seien auch 100 afghanische Soldaten beteiligt. Mit der Offensive will die US-Armee nach eigenen Angaben die radikalislamischen Taliban daran hindern, die Wahlen am 20. August zu stören und afghanische Bürger durch Einschüchterungen von der Stimmabgabe abzuhalten.
Doch gerade weil die Gewalt von Aufständischen in den vergangenen Monaten deutlich zugenommen hat, fürchten Experten neue Anschläge im Rahmen der Wahlen. Wegen der anhaltenden Gewalt von Aufständischen und Taliban kann die Abstimmung für die Wähler in vielen Distrikten sehr gefährlich werden.
Die Bundeswehr wird übrigens nicht an den Wahllokalen postiert sein. Die deutschen Soldaten halten sich im Hintergrund - und greifen nur ein, wenn afghanische Polizisten und Soldaten ihre Hilfe anfordern. "Es handelt sich um eine afghanische Wahl" lautet das Credo der Bundesregierung.
lieber Mitleser, 1. ich wollte Sie nicht ''anpieseln'' 2. vertraue ich Ihren Lese- und Interpretationsfähigkeiten Was Kujat gesagt hat ist doch ein wenig weniger ''undemokratisch'' als...
So stand es doch in dem Artikel, oder? Zitat>Der General mahnte, keine falschen Rücksichten zu nehmen: ''Niemand darf sich von Entscheidungen abhalten lassen, nur weil wir vor Bundestagswahlen...
wäre Afghanistan ein Krieg wäre ja nicht mehr der Gefreitea.D. oberster Heerführer sondern ............Angie! Jung kann man jederzeit opfern, aber eine Kanzlerin 1 1/2 Monate vor der Wahl?
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