Potsdam: Verwirrungen im Fall Ermyas M.

zuletzt aktualisiert: 28.04.2006 - 10:23

Potsdam (rpo). Der Fall Ermyas M. wird immer undurchsichtiger. Die mutmaßlichen Täter, die den 37 Jahre alten Deutsch-Äthiopier am Ostersonntag brutal niedergeschlagen hatten, weisen offenbar keinen rechtsextremistischen Hintergrund für ihre Tat auf. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ) sei der Täter Thomas M., der momentan in Untersuchungshaft sitzt, mit einem in Potsdam als "Hitler" bekannten Rechtsextremisten verwechselt worden.

Den Tatverdächtigen im Prozess um den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. konnte bislang kein Kontakt zur rechten Szene nachgewiesen werden. Foto: ddp
Den Tatverdächtigen im Prozess um den Deutsch-Äthiopier Ermyas M. konnte bislang kein Kontakt zur rechten Szene nachgewiesen werden. Foto: ddp

Zudem verschärft sich mehr und mehr der Verdacht, der Geschädigte Ermyas M. und die beiden mutmaßlichen Täter sei in der Prügel-Nacht betrunken gewesen. Dies dementierte jedoch Brandenburgs Innenminister Jörn Schönbohm. "Wer sagt, das Opfer sei selber Schuld, irrt."

Thomas M. sehe genauso aus und habe denselben Namen, erklärt die Süddeutsche zeitung weiter. "Der 'Hitler' ist nicht unserer", erklärte ein Ermittler gegenüber dem Blatt.

Über die beiden mutmaßlichen Täter Thomas M. und Björn L. gebe es nach Angaben von Polizei und Erkenntnissen des Verfassungsschutzes noch keine Beweise für Mitgliedschaften in rechtsextremistischen Organisationen. Der als "Hitler" bekannte Thomas M. dagegen habe enge Kontakte zu einem vor Kurzem inhaftierten Neonazi und drohte im Sommer 2005 mehreren Zeugen vor dem Landgericht Potsdam. "Nach dem gegenwärtigen Stand der Ermittlungen gehen wir davon aus, dass der Verhaftete nichts mit dem in der Öffentlichkeit bekannten Thomas M. zu tun hat", sagten Ermittler zur SZ.

Vom Opfer zum Täter?

Derweil gerät such das Opfer Ermyas M. immer mehr in den Mittelpunkt der Ermittlungen. Nach Zeugenaussagen soll das Opfer mit der körperlichen Auseinandersetzung angefangen haben, wie die "Berliner Morgenpost" unter Berufung auf sichere Quellen berichtet.

Das gehe aus der Vernehmungsakte hervor, in der drei Zeugen, zwei Taxifahrer und eine Frau, dies unabhängig voneinander geschildert hätten. Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft sagte dem Blatt auf Anfrage, dass Details der Ermittlungen nicht kommentiert würden. Der Wasserbau-Ingenieur, der mittlerweile aus dem künstlichen Koma erwacht ist und sich außer Lebensgefahr befindet, war in der Nacht zum Ostersonntag an einer Straßenbahnhaltestelle angegriffen worden. In der Folge wurden zwei Männer festgenommen. Von offizieller Seite heißt es, dass der 37-Jährige durch einen einzelnen Faustschlag niedergestreckt worden sei und durch den folgenden Sturz lebensgefährliche Kopfverletzungen erlitten habe.



Die Zeugen wollen indes beobachtet haben, dass eben dieser Faustschlag eine Reaktion auf einen zuvor erfolgten Tritt des Deutsch-Äthiopiers ins Gesäß eines der Männer gewesen sei, schreibt die Zeitung.

Mailbox könnte Aufschluss geben

Der Anwalt von einem der beiden inhaftierten Tatverdächtigen erhob am Freitag schwere Vorwürfe gegen die Ermittler. Nach seinen Erkenntnissen stelle sich "das Geschehen gänzlich anders dar, als bislang von den Ermittlungsbehörden der Öffentlichkeit mitgeteilt", betonte Rechtsanwalt Veikko Bartel in Potsdam. Dies gehe aus "in der Ermittlungsakte befindlichen Beweismitteln, insbesondere verschiedenen Zeugenaussagen" sowie aus der Mailbox-Auswertung eines Anrufs auf dem Telefon der Ehefrau des Opfers hervor.

Der Anwalt kritisierte, dass der Generalbundesanwalt ihm bislang das Ergebnis der kriminaltechnischen Untersuchung der Stimmaufzeichnungen der Mail-Box nicht überreicht habe. Danach soll eine der beiden zu hörenden Stimmen von Bartels Mandant Björn L. stammen. Ermyas M. hatte unmittelbar vor dem Angriff versucht, seine Frau auf dem Handy zu erreichen, und ihr auf die Mailbox gesprochen.

Ermyas M. muss noch mehrere Wochen auf der Intensivstation bleiben. Als Folge der schweren Schädel-Hirn-Verletzungen sei er noch nicht wieder bei klarem Bewusstsein und nicht vernehmungsfähig, erklärten die Ärzte. Der Familienvater atmet inzwischen überwiegend selbstständig, ist jedoch weiterhin an eine Maschine angeschlossen, die seine zuverlässige künstliche Beatmung sicherstellt.

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