Schüler und Studenten streiken: "Ängste reichen bis in die Schulen"
zuletzt aktualisiert: 15.06.2009 - 07:18(RP). Mit Aktionen an Schulen, Hochschulen und anderen Einrichtungen startet heute in mehr als 60 Städten ein fünftägiger Bildungsstreik von Schülern und Studenten. Diese wollen unterstützt von Organisationen wie dem Deutschen Gewerkschaftsbund auf Missstände im deutschen Bildungssystem aufmerksam machen.
Der Protest richtet sich vor allem gegen Studiengebühren, die Umstellung der Studiengänge auf Bachelor und Master und die verkürzte Oberstufe beim achtjährigen Gymnasium. Höhepunkt der Proteste sollen am Mittwoch Demonstrationen in 80 Städten sein, zu denen die Organisatoren 150.000 Menschen erwarten.
Rolf Dobischat, der Präsident des Deutschen Studentenwerks, solidarisiert sich mit den Streikenden. Der in Duisburg lehrende Bildungsforscher sprach mit unserer Redaktion über die Hintergründe und die Ängste der Schüler und Studenten.
Warum der Studenten-Prostest?
Dobischat Hauptgrund sind die Studienbedingungen. Bachelor und Master haben das Studium zeitlich verdichtet und den Prüfungsstress erhöht. Viele können nebenbei nicht mehr arbeiten. Hinzu kommt, dass es unter den verschärften Bedingungen an Qualität mangelt. Es strömen immer mehr Studierende in die Hochschulen, aber der Lehrkörper wird nicht größer.
Demonstrieren die Professoren mit?
Dobischat Die Solidarität unter den Hochschullehrern und dem akademischen Mittelbau ist groß. Ich erkläre mich auch solidarisch. Die Studierenden drängen zu Recht darauf, dass beim Bologna-Prozess und der sozialen Situation nachgebessert werden muss.
Nun hat die Regierung gerade 18 Milliarden Euro für Bildung zugesichert.
Dobischat Ja, aber das war auch dringend erforderlich. Das Geld steht jedoch noch unter Haushaltsvorbehalt, es ist also langfristig nicht sicher, und natürlich gehen die Mittel in den Ausbau und die Schaffung neuer Studienplätze. Es fehlen Investitionen in die soziale Infrastruktur.
Haben sich die Studienbedingungen mit den Studiengebühren verbessert?
Dobischat Ja. Die Gebühren haben dazu beigetragen, die Qualität in der Lehre zu verbessern. Ich halte sie dennoch für einen falschen Weg und lehne den Begriff des Studierenden als Kunden ab. Bildung ist eine gesamtgesellschaftliche und öffentliche Aufgabe.
Ist es richtig, dass Studenten und Schüler streiken?
Dobischat Es ist richtig, denn was sollen sie machen? Schüler und Studenten haben keine richtige Lobby. Es wird Zeit, dass sie endlich ihre Interessen artikulieren, und ein Streik ist ein angemessenes Instrument, um Missstände in die Öffentlichkeit zu bringen. Darüber hinaus beteiligen sich Gewerkschaften und Elternverbände, weil die auch davon belastet sind.
Sie sind selbst Vater einer Gymnasiastin. Welche Schulsorgen erleben Sie?
Dobischat Die Ängste um einen Arbeitsplatz reichen mittlerweile in die Schülerschaft hinein. Es gibt eine große Verunsicherung, die von den Eltern mitgetragen wird. Ich bin Mitglied der Schulpflegschaft und bekomme viele Fragen von Eltern zur verkürzten Schulzeit, gestrafften Studiengängen und welche Sprachen ein Kind lernen soll. Das war vor Jahren noch nicht so.
Entsteht eine neue Protestkultur?
Dobischat Es ist zu hoffen. Ich sehe in jedem Fall ein größeres Protestpotenzial als im vergangenen Jahr. Eine Ursache ist die Wirtschaftskrise. Viele fragen sich: Was wird für mich getan?
Konservative Hochschulgruppen lehnen den Streik aber ab.
Dobischat Das sind in der Regel junge Leute, die sehr stark in dem Wettbewerbs- und Elite-Denken verhaftet sind. Diese konservativen Gruppen denken stärker in Richtung soziale Selektion. Man muss versuchen, sie mit Argumenten zu überzeugen.
Stefanie Winkelnkemper führte das Gespräch.
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