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AFGHANISTAN-UNREST-BLAST
  Foto: AFP, AFP
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226 Betroffene alleine in 2008: Afghanistan traumatisiert immer mehr Soldaten

zuletzt aktualisiert: 03.02.2009 - 11:15

Düsseldorf (RPO). Rund 6400 Soldaten sind derzeit für die Bundeswehr im Auslandseinsatz. Dabei bringen sie nicht nur Leib und Leben in Gefahr. Der Dienst belastet auch die Seele. Nach aktuellen Angaben des Verteidigungsministeriums ist die Zahl der traumatisierten Soldaten von 55 Fällen im Jahr 2006 über 130 im Jahr 2007 bis auf 226 im vergangenen Jahr gestiegen.

Im ARD-Film "Willkommen zu Hause" wurde am Montagabend die Geschichte eines traumatisierten Soldaten erzählt. Ben Winter, gespielt von Ken Duken (29), ist die Hauptfigur. Exemplarisch beleuchtet der Film das Schicksal von rund 150 deutschen Soldaten, die jedes Jahr nach einem Auslandseinsatz mit einer so genannten posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) nach Deutschland zurückkommen. Sie haben Attentate erlebt, wurden Opfer von Entführung und Gewalt, haben Massengräber, verstümmelte oder tote Kameraden gesehen.

Fernsehen befasst sich erstmals mit dem Tabuthema Kriegstrauma

Zum ersten Mal hat sich das deutsche Fernsehen in fiktionaler Form mit dem Thema Heimkehrer befasst. Dabei beteiligt sich die Bundeswehr seit Anfang der 1990er Jahre an internationalen Missionen. "Wir Deutsche haben aufgrund unserer Geschichte eine schwierige Beziehung zum Militär," sagt Drehbuchautor Christian Pfannenschmidt (65). Viele wollen mit dem Thema nichts zu tun haben. Und, so Pfannenschmidt: Zudem würden Kriegsheimkehrer hier nicht als Helden gefeiert, sondern als Trottel betrachtet, die dumm genug sind, ihren Kopf hinzuhalten.

Doch die Zahl derer, die traumatisiert von einem Auslandseinsatz zurückkehren, steigt stetig. Das Verteidigungsministerium gab auf Anfrage der FDP-Abgeordneten Elke Hoff bekannt, wie sich die Zahl der Fälle von Posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS) speziell in Afghanistan in den vergangenen drei Jahren entwickelt hat, berichtet die "Süddeutsche Zeitung". Die Zahl sei von 55 Fällen im Jahr 2006 über 130 im Jahr 2007 bis auf 226 im vergangenen Jahr gestiegen.

"Trauma bricht aus, wenn die Anspannung von dem Menschen abfällt"

Karl-Heinz Biesold (58) ist Bundeswehrarzt und kümmert sich um traumatisierte Soldaten. "Ein Trauma bricht erst aus, wenn die Anspannung von dem Menschen abfällt", sagt er. Selbst dann wollen viele Betroffene das Trauma verdrängen. Biesold schätzt, dass mehr als die Hälfte aller Traumaopfer unregistriert bleibt.

Gerade die Verdrängung führt zu Spannungen in der Familie oder zu Problemen im Beruf. Immer wieder platzen die seelischen Narben auf. Biesold: "Wenn der Mensch einem Geräusch oder einem Geruch wie etwa dem von verbranntem Fleisch wieder begegnet, kommen die Bilder des Grauens hoch." Der Körper reagiert dann wie in der Gefahrensituation. Herzrasen. Schweißausbrüche. Eine Art Kriegssituation im Kopf. "Flashbacks" nennen Ärzte solche Situationen, die Auslöser sind die so genannten "Trigger".

Ein Drittel ist nicht mehr in der Lage einen Soldatenberuf auszuüben

In der Therapie lernen die Soldaten, sich vom Geschehenen zu distanzieren. Danach müssen sie sich ihren Ängsten stellen, das Erlebte aktiv verarbeiten. Dennoch ist ein Drittel der Patienten nicht mehr in der Lage, den Soldatenberuf auszuüben. In den USA gibt es bis heute 250 000 Veteranen, die an PTBS leiden und nicht mehr eingegliedert werden können.

Die Zahl der traumatisierten Soldaten steigt in Deutschland immer mehr an – weil die Anschläge in Afghanistan zunehmen und weil es für viele Soldaten bereits der dritte oder vierte Auslandseinsatz ist. Erst die Erfahrungen der ethnischen Säuberungen im Kosovo, dann hungernde Kinder im Somalia und anschließend die ständige Angst in Kundus – irgendwann ist das zu viel.

Die steigende Zahl leidender Soldaten zwingt die Politik jetzt zum Handeln. Der Bundestag will sich in der nächsten Woche mit der Einrichtung eines Kompetenzzentrums für die Behandlung betroffener Soldaten befassen. Laut der FDP-Abgeordneten Hoff liegt dazu ein fraktionsübergreifender Antrag vor. Noch im Juli vergangenen Jahres war ein entsprechender Antrag der FDP abgelehnt worden.


 
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