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Aiman Mazyek
„Wir müssen weiter auf die Straße“

Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime zur Demo in Köln
Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime. FOTO: dpa, dka lof tba
Düsseldorf. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime reagiert im Interview auf die Anschuldigung, die Islamverbände täten zu wenig gegen Extremismus. Am Samstag wollen Muslime in Köln gegen islamistischen Terror demonstrieren.  Von Philipp Jacobs

Aiman Mazyek vertritt mit seinem Verband nur einen kleinen Teil der in Deutschland lebenden Muslime. Doch seine Stimme findet oft Gehör in Politik und Gesellschaft. Nun hat Mazyek einen zweiten Job, in dem es besonders viel Verhandlungsgeschick bedarf.

Herr Mazyek, seit Kurzem sind Sie Sprecher des Koordinationsrats der Muslime, in dem die vier größten islamischen Verbände Deutschlands vertreten sind. Haben Sie sich einige Ziele für Ihr neues Amt gesteckt?

Mazyek Ich versuche, die Reihen wieder etwas zu schließen. Einige Verbände hatten zuletzt ja Probleme, auch untereinander. Die politischen Kulturen der Verbände sind zudem sehr unterschiedlich. Wir als Zentralrat sprechen die Themen an, die vor allem für deutsche Muslime relevant sind. Da mag der Schwerpunkt bei anderen etwas anders sein.

Sie sprechen über den Islamverband Ditib. Auch er ist Mitglied im Koordinationsrat. Wie problematisch ist die enge Bindung des Verbands zur Türkei?

Mazyek Die Entwicklungen in der Türkei haben bei der Ditib und auch in der deutschen Politik nicht haltgemacht. Die Strukturen und Dialogprozesse sind zum Leidwesen der Gläubigen verhärtet. Das bedauere ich sehr. Wir müssen aufpassen, dass durch verschiedene Gruppen und staatliche Einmischung die Konflikte in der Türkei nicht hierher getragen werden und dass dies auch nicht umgekehrt geschieht. Was aber nicht hilft, ist diese holzschnitzartige Basta-Politik nach dem Motto "Jetzt ist aber Schluss damit, wir müssen jetzt Kante zeigen". Das führt letzten Endes nur wieder zu Verhärtungen.

Ihr Generalsekretär forderte vor gut einem Monat eine klare Kante, als er sagte, es sei nicht tragbar, dass ein fremder Staat Einfluss auf einen deutschen Muslimverband nehme. Er meinte damit die Ditib.

Mazyek Was er meint ist, dass wir weiterhin keine Einflussnahme von Staaten dulden. Ich sage zudem Nein zur Indoktrination durch politische Bewegungen, islamische Geheimbunde oder völkische beziehungsweise nationalistisch-rassistische Gruppierungen, die alle bisweilen gern auch im religiösen Mäntelchen daherkommen.

Wo könnte man denn konkret ansetzen? Vielleicht bei den Import-Imamen?

Mazyek Die Forderung, dass die Imame grundsätzlich aus Deutschland kommen sollen, würde wohl die große Mehrheit der Muslime hierzulande unterstützen. Die Frage ist nur: Wie machen wir es? Viele Imame unseres Verbands sind bereits von hier, aber auch die Atib bezieht Imame zum Teil aus der Türkei. (Die Atib ist ein türkischer Kulturverein und Mitglied im Zentralrat der Muslime, Anm. d. Red.). Warum macht sie das? Weil es kaum hierzulande ausgebildete Imame gibt. Das müssen wir ändern. Die Politik diskutiert aber gerne darüber, was sie alles nicht will, statt Lösungen vorzuschlagen. Wir müssen uns fragen: Wie gestalten wir die Ausbildung der Imame in Deutschland? Wie finanzieren wir diese? Und wie können wir das Vertrauen der Moscheegemeinden in die neuen, deutschen Imame, die in deutschen Universitäten ausgebildet wurden, stärken?

Und? Wie könnte das gelingen?

Mazyek Die Ausbildung christlicher Priester beispielsweise verläuft dual: Theologiestudium an der staatlichen Uni und Lehrjahre in der Kirchengemeinde. Ein solches Modell brauchen wir auch für die Ausbildung der Imame. Das gibt es aber noch nicht. Also müssen wir über Zwischenlösungen nachdenken. Wir könnten zum Beispiel die neuen Theologie-Absolventen aus Münster und Osnabrück jetzt schon als Geistliche in die Moscheearbeit integrieren. Hier ist Herzblut und Pragmatismus gefragt und nicht Pauschalkritik und Populismus gegen die angeblich so konservativen Verbände.

Ihr Verband stand auf der Todesliste des rechtsextremen Bundeswehrsoldaten Franco A. Können Sie als Sprecher des Koordinationsrats der Muslime sagen, die Muslime in Deutschland sind sicher?

Mazyek Ich bedaure sehr, dies jetzt in meinem Land sagen zu müssen, aber unsere Moscheen sind nicht mehr sicher – angesichts der zunehmenden Zahl der Anschläge, beinahe jede Woche gibt es neue Moscheeübergriffe. Im Fall von Franco A. war es äußerst kritisch: Einige Mitarbeiter mussten wir nach der Meldung, dass wir auf der Todesliste stehen, freistellen, weil sie Angst hatten, in unseren Geschäftsstellen zu erscheinen. Die Bewegungsfreiheit einer Religionsgemeinschaft war damit empfindlich eingeschränkt. Ich verstehe unsere Sicherheitsbehörden nicht, die uns dann sagen, es liege aber keine konkrete Anschlagsgefahr vor. Eine Mehrheit der Anschläge mit rechtsradikalem Hintergrund wird von Ersttätern verübt. Die haben keine lange kriminelle Vergangenheit, sondern handeln aus Wut und meist spontan heraus. Wir erleben das regelmäßig. Und natürlich werden diese Menschen durch Polizeistreifen vor Moscheen oder unseren Geschäftsstellen abgeschreckt. Doch bei den Sicherheitsbehörden findet diese Forderung kaum Widerhall. Das verstärkt das Gefühl, Religion 2. Klasse zu sein. Und die Rechten freut's.

Rechtspopulisten haben schon immer gegen den Islam gehetzt. Aufgrund der Anschläge im Namen Allahs scheint mittlerweile jedoch auch ein Teil der "normalen Bevölkerung" grundsätzlich skeptisch gegenüber Muslimen zu sein. Inwiefern können die Islamverbände dazu beitragen, derlei Terrorismus zu bekämpfen?

Mazyek Sie leisten dazu bereits einen entscheidenden Beitrag, nur sehen es viele nicht beziehungsweise einige – Extremisten besonders – wollen das nicht sehen. Seit Jahren verurteilen wir solche Taten, arbeiten in Präventionsprogrammen mit Jugendlichen und Moscheen, klären auf und gehen regelmäßig auf die Straßen, zuletzt nach dem Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz. Alleine unser Verband organisierte in den letzten Jahren Demonstrationen in über 50 Städten. Es ist also ein Ammenmärchen, wenn man so tut, als würden wir nicht Gesicht zeigen. Diese Unterstellung ist zudem gefährlich, weil sie als Steigbügelhalter von IS und Konsorten fungiert. Die wollen mit ihren Morden die Spaltung der Gesellschaft, und das Beste, was ihnen passieren kann, ist, wenn wir den Islam mit ihrem mörderischen Terror in einen Topf werfen und damit die muslimische Bevölkerung weiter marginalisieren. Und dennoch sagen wir: Wir müssen weiter auf die Straße, uns zeigen, für den Zusammenhalt unsere Gesellschaft und den Frieden kämpfen und den Extremismus verurteilen, auch mithilfe öffentlicher Demonstrationen. Unser Verband wird sich deshalb auch an den Friedensmärschen in Köln und Berlin beteiligen.

In NRW gibt es künftig eine schwarz-gelbe Landesregierung. Ziehen Sie doch bitte einmal Bilanz: Wie lief es zuletzt mit Rot-Grün in muslimischen Fragen?

Mazyek Ich habe nicht verstanden, warum die guten Gespräche und die positiven Ergebnisse beider Gutachten zu den Religionsgemeinschaften nicht dazu geführt haben, dass sozusagen die Vorstufe der Körperschaft erreicht wird. Ich habe ein gewisses Verständnis dafür, dass man vor dem Hintergrund der Entwicklungen in der Türkei gegenüber Ditib Gesprächsbedarf hat. Ich habe aber kein Verständnis dafür, dass nun auch wir grundlos in der Warteschleife hängen. Hier hatte sich die abgewählte Landesregierung mutlos gezeigt. Politik lebt von Verlässlichkeit und Gestaltungswillen. Es ist richtig, diese bei den Muslimen einzufordern, aber man kann nicht auf der anderen Seite diese selber verweigern. Ich erhoffe mir also, dass die neue Landesregierung diesen Ball aufnimmt, sich klar und deutlich positioniert und sich nicht so unentschlossen wie ihre Vorgängerregierung zeigt.

 
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