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Guttenberg-Affäre
Akademiker werfen Merkel "Verhöhnung" vor

Minister Guttenberg sichtlich angeschlagen
Minister Guttenberg sichtlich angeschlagen FOTO: dapd
Hamburg (RPO). In der Guttenberg-Affäre gerät auch Bundeskanzlerin Merkel unter Beschuss: Rund 20.000 Promovierte und Promovierende haben ihr in einem offenen Brief "Verhöhnung" aller wissenschaftlichen Mitarbeiter und Doktoranden vorgeworfen. Spitzenwissenschaftler und Deutscher Kulturrat fürchten negative Wirkungen auf Wissenschaft und Achtung des geistigen Eigentums.

"Durch die Behandlung der Causa Guttenberg als Kavaliersdelikt leiden der Wissenschaftsstandort Deutschland und die Glaubwürdigkeit Deutschlands als Land der Ideen", heißt es in dem offenen Brief. Merkels Behandlung der Plagiatsaffäre lege nahe, "dass es sich beim Erschleichen eines Doktortitels um ein Kavaliersdelikt handele". Das berichtet das "Hamburger Abendblatt" (Montagausgabe). Der offene Brief soll am Sonntagabend im Berliner Kanzleramt abgegeben werden.

Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, forderte Merkel auf, "deutlich zu sagen, dass Raubkopieren auch weiterhin kein Kavaliersdelikt ist, egal ob sie an ihrem raubkopierenden Bundesverteidigungsminister festhält oder nicht". Zimmermann äußerte am Sonntag in Berlin die Befürchtung, "dass durch ein schlechtes Vorbild illegales Kopieren noch hoffähiger gemacht wird".

Der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Matthias Kleiner, warnte davor, Plagiate in der Wissenschaft als Kavaliersdelikt zu verharmlosen. Geistiges Eigentum in der Wissenschaft sei genauso wertvoll wie materielles Eigentum, sagte Kleiner dem Berliner "Tagesspiegel" vom Samstag. Der frühere DFG-Präsident Ernst-Ludwig Winnacker sagte dem "Spiegel", Guttenberg stehe wissenschaftlich "für immer am Pranger".

Der Bayreuther Jura-Professor Oliver Lepsius, der den Lehrstuhl von Guttenbergs inzwischen emeritierten Doktorvater übernommen hat, sagte der "Süddeutschen Zeitung" vom Samstag: "Wir sind einem Betrüger aufgesessen". Guttenbergs Aussage, er habe in seiner Doktorarbeit ohne Vorsatz falsch zitiert, ließ der Jurist nicht gelten. "Der Minister leidet unter Realitätsverlust", sagte Lepsius der "SZ". "Er kompiliert planmäßig und systematisch Plagiate, und er behauptet, nicht zu wissen, was er tut. Hier liegt die politische Dimension des Skandals."

Guttenberg wurde von der Universität Bayreuth sein Doktortitel in Jura aberkannt, weil er im großen Umfang falsch zitiert hat. Der Minister bestreitet eine vorsätzliche Täuschungsabsicht. Trotz der Vorwürfe sprach sich in mehreren Umfragen für "Focus" und "BamS" eine Mehrheit der Befragten gegen einen Rücktritt Guttenbergs von seinem Ministeramt aus. Forsa-Chef Güllner sagte dazu im Deutschlandradio, Guttenberg habe ein so großes Sympathiepolster, dass es erst langsam schmilzt. Inzwischen gebe es aber schon "deutliche Sympathie-Dellen, und ich denke, dass dieses Sympathiepolster schon langsam, aber eben erst langsam abschmelzen wird".

(apd/AFP/ndi)
 
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