| 19.10 Uhr

Tsipras' neue Volte
Schon wieder kalt erwischt

Alexis Tsipras hat die Eurogruppe schon wieder kalt erwischt
Bundeskanzlerin Merkel begegnete den neuen Briefen aus Athen betont reserviert. FOTO: dpa, mkx cul
Berlin. Der griechische Ministerpräsident Alexis Tsipras nährt seinen Ruf als unberechenbarer Spieler. Sein neuer Schachzug, der Ruf nach einem dritten Hilfspaket, überrumpelt eine ahnungslose Eurogruppe. Auch in Berlin wird es um kurz nach vier plötzlich hektisch.

Die Koalitionsspitzen werden mal wieder vom neuesten Schachzug des griechischen Premiers Tsipras kalt erwischt. Während die Fraktionssitzungen laufen, wird es im Reichstag unruhig. Mittendrin Merkel und ihr Vizekanzler.

Es ist kurz nach 16 Uhr, als Volker Kauder sich auf den Weg macht. Zum Otto-Wels-Saal, wo die SPD-Fraktion gerade zusammensitzt, sind es nur ein paar Meter. Dass Kauder in die laufenden Beratungen der Genossen platzt, ist ungewöhnlich. 

Nach wenigen Augenblicken taucht er wieder auf - mit der SPD-Spitze im Schlepptau. Die Kanzlerin hat dringenden Gesprächsbedarf. Per SMS aber kann sie Sigmar Gabriel und Thomas Oppermann wohl kaum mal eben zur Union herüber bitten. Deshalb spielt Kauder den Boten. 

Alle haben auf ihren Handys gelesen, dass Griechenland neue Hilfen beantragt. Was nun? Das Problem für Angela Merkel in diesem Moment ist: Sie kennt das Papier persönlich noch gar nicht. Im Kanzleramt ist nichts Schriftliches eingegangen. 

Die Koalition und der Rest Europas werden von der nächsten Volte des griechischen Premiers Alexis Tsipras wieder kalt erwischt. Wie schon bei der Ankündigung des Referendums Freitagnacht.  

Seinen neuen Brief hat Tsipras ans Büro vom zuständigen Chef der Eurogruppe, Jeroen Dijsselbloem, geschickt, der prompt die Euro-Finanzminister zu einer Telefonschalte um 19 Uhr zusammentrommelt. 

Zehn Minuten beraten Merkel, Gabriel, Kauder und Oppermann am Rande des CDU/CSU-Fraktionssaals. Was sollen sie davon halten, dass Athen jetzt plötzlich verhandeln und neue Hilfen haben will, weil die Staatspleite faktisch unmittelbar bevorsteht.

Die CDU-Chefin informiert ihre Fraktion, was gerade abläuft. Die beiden Spitzengenossen Gabriel und Oppermann gehen zurück zu ihren Leuten.

Merkel tritt zunächst auf die Bremse. Vor dem für Sonntag in Griechenland angesetzten Referendum mache es gar keinen Sinn, von deutscher Seite über einen wie auch immer gearteten Antrag zu beraten, lautet ihre erste Einschätzung. Klar sei auch, der IWF müsse an Bord bleiben.

Ihr Finanzminister Wolfgang Schäuble klärt die eigenen Leuten auf, dass nun vorerst wirklich "over isch" für die Griechen. Schäuble, wie Teilnehmer der Sitzung berichten, hat noch eine Warnung auf Lager.

Die ist an EZB-Chef Mario Draghi gerichtet. Sinngemäß lautet sie:
Draghi solle sich hüten, die Nothilfen für die griechischen Banken gleich wieder aufzustocken, nur weil Athen einen neuen Antrag ventiliert. Er könne dem obersten Währungshüter nicht raten, "diese Brücke zu beschreiten". 

Im nächsten Moment taucht Gabriel wieder auf. Er verlässt die SPD-Fraktionssitzung, um als einziger der Koalitionsgranden vor die Fernsehkameras zu treten. Gabriel spricht mit dem Fahrstuhl im Rücken offen aus, was Berlin nun von Athen erwartet: "Das Beste wäre, wenn Herr Tsipras das Referendum absagt."

Als Gabriel seinen Auftritt beendet hat, erscheint plötzlich Merkel im mintfarbenen Blazer auf dem Flur. Sie winkt Gabriel heran, ein kurzer Wortwechsel folgt. Die Kanzlerin wirkt so, als wolle sie etwas erklären.

Die Kamerateams werden auf die beiden aufmerksam. "Komm mal mit", sagt Merkel und zieht Gabriel mit sich. Es geht zurück in das vor neugierigen Blicken und Ohren geschützte Refugium der Union.

Fortsetzung folgt. Neue Sondersitzungen der Fraktionen sind für Freitag schon in Planung.

(dpa)
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