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Interview mit "Emma"-Herausgeberin
Alice Schwarzer: Islam braucht einen Luther

Das ist Alice Schwarzer
Das ist Alice Schwarzer FOTO: ddp
Düsseldorf (RPO). Der Islam hat nach den Worten von Alice Schwarzer in Sachen Aufklärung "einen Nachholbedarf". "Es ist an den Muslimen, ihre Religion zu reformieren", sagte die Frauenrechtlerin im Gespräch mit unserer Redaktion.

Schwarzer wird am Dienstag Abend als Mercator-Professorin im Audimax der Essener Universität über den Islamismus sprechen. Damit hat sich die neue Mercator-Professorin kein leichtes Thema vorgenommen. Zuvor sprach sie über dieses Thema mit unserer Redaktion.

Was wollen Sie den Studierenden über den Islam als Gastprofessorin vermitteln – was ist nötig an diesem Ort der intellektuellen Auseinandersetzung?

Schwarzer: Mein Thema ist der Islamismus, also die Politisierung des Islam und der Missbrauch von Glauben für die Politik. Ich nenne meine Vorlesung "Islam, Islamismus und Integration", um schon auf den ersten Blick auf die Unterscheidung hinzuweisen. Noch vor Antritt meiner ersten Vorlesung hatte es ja im Dezember eine Pressekonferenz in den Räumen der Universität gegeben, in der unter anderem der "Islamische Studierendenverein Duisburg" sowie die Pfarrerin für Islamarbeit und Integration, Sabine Plonz, dagegen protestiert haben, dass man mir die Mercator-Professur angetragen hat. Sie behaupteten, ich gehe "weder sachkundig noch differenziert mit den islamischen Identitäten" um. Ja, mehr noch: Pfarrerin Plonz unterstellt mir einen "Überlegenheitsanspruch" und nennt mich im selben Atemzug mit dem "Anti-Islamismus deutsch-nationalistischer Rechtspopulisten". Ich weiß nicht, was "islamische Identitäten" sein sollen, aber ich finde es schon schockierend, dass solche ungeheuren Unterstellungen, ja Diffamierungen im Namen der Studierenden verbreitet werden können. Ich werde heute Abend darum diesmal zunächst aus bereits von mir erschienenen Texten lesen und dann in das direkte Gespräch mit dem Publikum gehen.

Sie sprechen an einer Hochschule über den Islam. Welche Veränderung wird es geben, wenn demnächst an deutschen Unis auch islamische Theologie gelehrt wird?

Schwarzer: Wenn islamische Theologie jetzt an deutschen Universitäten gelehrt wird, kann das eine Chance für die zukünftigen Imame sein. Allerdings müssten Lehrende wie Lernende sich dann auch im Islam-Unterricht denselben wissenschaftlichen Standards beugen, wie sie für alle anderen Fächer gelten. Das heißt: Zweifel müssen erlaubt sein. Islam und Koran dürfen kein unberührbares Dogma sein.

Bedarf der Islam denn einer Zähmung – und wenn ja, in welchen Bereichen?

Schwarzer: Zähmung? Nein. Der Islam hat sicherlich einen Nachholbedarf in Aufklärung. Und da sind aufgeklärte Muslime die Ersten, die sich das wünschen.

Braucht der Islam einen Luther, wie ihn das Christentum nötig hatte?

Schwarzer: Ja, so sieht es aus. Aber das ist Angelegenheit der Muslime. Es ist an ihnen, ihre Religion zu reformieren.

Was hat das Kopftuch mit dem Islam und dem wahren Islam zu tun?

Schwarzer: Ich weiß nicht, was der "wahre Islam" ist. Da gibt es, fürchte ich, Millionen Versionen. Aber es kann ja kein Zufall sein, dass die Islamisten, die 1979 mit Khomeini im Iran angetreten sind, die ganze Welt in Gottesstaaten zu verwandeln, als Erstes die Frauen unters Kopftuch gezwungen haben. Die Unterscheidung und Hierarchisierung zwischen Männern und Frauen, als seien sie Wesen von zwei unterschiedlichen Sternen, steht ja bei allen religiösen Fundamentalisten auf Platz 1 der Agenda. Und dagegen verwehren wir Demokraten und Demokratinnen uns Anfang des 21. Jahrhunderts zu Recht: Wir haben uns die Gleichberechtigung und gegenseitige Wertschätzung der Geschlechter hart erkämpft und wollen darauf nicht mehr verzichten! Das ist eine Frage der Menschenrechte.

Quelle: RP
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