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G-8-Gipfel: Alle wollen in den Pool

VON GREGOR MAYNTZ - zuletzt aktualisiert: 07.06.2007 - 13:31

Heiligendamm (RP). Der G-8-Gipfel an der deutschen Ostseeküste ist auch ein gigantisches Medien-Ereignis. Über 5000 Journalisten berichten rund um die Uhr den Globus umspannend über die Versuche der „großen Acht“, die Globalisierung zu gestalten.

Zwei Greenpeace-Boote dringen am späten Vormittag in die Sicherheitszone vor dem G-8-Tagungsort Heiligendamm ein, sofort nehmen Schnellboote der Bundesmarine und der Polizei die Verfolgung auf, Hubschrauber verfolgen das Geschehen aus der Luft. In waghalsigen und spektakulären Manövern bremst die Marine die Eindringlinge aus, so dass die Polizei die Aktivisten festnehmen kann. Zuvor gelingt es ihnen noch, ein Transparent zu entrollen: „Stop talking – act now!“ Schluss mit dem Reden – handelt jetzt!

Die Staats- und Regierungschefs der G8 bekommen davon wahrscheinlich an ihrem Konferenztisch nichts mit. Aber Tausende von Journalisten, die das inszenierte Ereignis bequem durch die großen Fenster des Pressezentrums in Kühlungsborn, dem Nachbarort von Heiligendamm, verfolgen können. Minuten später gehen Texte und Bilder rund um die Erde. Strahlende Gesichter bei den Greenpeace-Presseleuten.

Wenn es um differenziertere Botschaften und Analysen vom Gipfel selbst geht, ist der Zugang zu den Informationen deutlich schwieriger. Denn dazu müssen die Journalisten durch den Zaun. Am Mittwoch legen Schienen-Blockaden den Medien-Shuttle lahm. Der historische Dampfzug „Molli“ ist vor dem Gipfel zwar auf seine Transport-Qualitäten getestet worden: Wie lange dauert die Anfahrt, wenn sich Hunderte von Menschen in den Waggons und oberhalb der Puffer drängeln? Können wir auf diese Weise Tausende von Presseleuten zwischen Kühlungsborn und Heiligendamm hin und her befördern? Nur eine Frage war in den Hintergrund getreten: Was passiert, wenn „Molli“ nicht fährt? Die Marine sprang zwar ein und bildete einen Pendelverkehr übers Meer. Doch statt 400 Personen alle halbe Stunde reduzierte sich die Kapazität auf diese Weise auf 40. Am Donnerstag sind diese Probleme zunächst vergessen. „Molli“ fährt. Wenn auch nicht störungsfrei. Der Zugführer weigert sich am Vormittag, den Shuttle-Dienst fortzusetzen, weil ein Kamera-Kran immer wieder dicht über das Führerhäuschen hinwegschwenkt. Nach intensiven Gesprächen gibt Molli kurzzeitig wieder Volldampf. Dann ist wieder Ruhe angesagt. Protestler legen die Strecke wieder lahm.

Doch auch ohne die Probleme mit "Molli" kommen die professionellen Politikbeobachter beim "Gipfel" nicht an. Grund: Ihre Ausweise reichen in Heiligendamm lediglich für die „gelbe Zone“. Das ist das Briefing-Center, also jener zweigeschossige Neubau, in dem die Delegationen alle paar Stunden in Hintergrundrunden den Journalisten Einschätzungen zum Stand der Verhandlungen aus Sicht der einzelnen nationalen Gipfelteams zukommen lassen.

Auch die „Sherpas“, die das Treffen der Staats- und Regierungschefs bis in die kleinsten Details vorbereitet haben, lassen sich immer mal wieder blicken. Häufig laufen die Briefings gleichzeitig in verschiedenen Räumen, so dass sich anschließend auf der Rückfahrt erst durch den Austausch der Informationen ein einigermaßen vollständiges Bild ergibt. Vor dem von den deutschen Gastgebern erhofften „Heiligendamm-Prozess“ steht also einstweilen der „Molli-Prozess“.

Natürlich möchte jeder auch selbst einen Eindruck von den Treffen gewinnen. Die Meetings selbst finden hinter verschlossenen Türen statt – mit Ausnahme des Treffens zwischen G-8 und J-8, den Jugendlichen aus den G-8-Staaten. Aber natürlich sollen die Medien auch Bilder von gut gelaunten Gipfelteilnehmern senden können. Nur – tausende Journalisten gleichzeitig auf den Gipfel loszulassen, würde auch nicht funktionieren. Das Zauberwort heißt daher „Pool“. Wenige Dutzend werden stellvertretend für ihre Kollegen zu den einzelnen Terminen zugelassen, bekommen zu den Sonderausweisen zusätzliche Sonderausweise, streng unterschieden nach einzelnen Positionen. „Pool 9“ etwa hat die frontale Sicht auf das „Familienfoto“ des Gipfels, „Pool 10“ verfolgt das Geschehen von der Seite, „Pool 11“ sieht die Teilnehmer auf dem Rückweg – Wechsel zwischen den Standorten sind ausdrücklich ausgeschlossen.

Die Medien rund um den Globus senden und drucken rund um die Uhr. Und deshalb läuft der Betrieb im Medienzentrum auch rund um die Uhr. So viele Übertragungswagen, so viele Sendetechnik, dazu die Klimaanlagen – zu viel für die Stromversorgung des Ostseebades, zumal Autonomenkreise verdächtigt werden, die Infrastruktur des Gipfels lahm legen zu wollen. Deshalb stehen an allen möglichen Ecken Dieselgeneratoren und Dieseltankwagen für deren Nachschub, liefern rund um die Uhr Energie, produzieren aber auch rund um die Uhr klimaschädliche Abgase.

Das bedeutet, dass jeder Kommentar, der mangelnde Fortschritte im Kampf gegen den Klimawandel beklagt, zustande gekommen ist durch eine weitere Belastung des Klimas. Wenn das nicht mal ein Thema für einen Klimagipfel wäre!


 
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