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AfD-Politikerin
Als Beatrix von Storch behauptete, dass Kondome nicht vor Aids schützen

Als Beatrix von Storch behauptete, dass Kondome nicht vor Aids schützen
Ruhig Blut, Frau von Storch. FOTO: dpa
Berlin. Kein anderer Spitzenpolitiker der AfD äußert sich so ungeschliffen auf Facebook wie Beatrix von Storch, die stellvertretende Vorsitzende der Partei. Wie radikal ist diese Frau? Von Sebastian Dalkowski

An einem Nachmittag im November 2012 stört Beatrix von Storch wieder etwas. Ausnahmsweise sind es nicht diese Gutmenschen, nicht Angela Merkel oder die EU. Nicht einmal die Gebühreneinzugszentrale. Es ist der Mann, der im Zug, in dem sie sitzt, die Durchsagen macht. Und weil niemand Beatrix von Storch stören darf, ohne sich einen Kommentar einzufangen, schreibt sie auf ihrem Facebook-Account: "Wenn die Bahn nicht nach jedem Halt mir und den Zugestiegenen eine angenehme Fahrt wünschen würde- hätte ich eine!!!" Sie hat es der Welt mal wieder gezeigt.

Beatrix von Storch, EU-Abgeordnete der AfD, gilt in einer extremen Partei als eine von jenen, die noch ein bisschen extremer sind. Und nirgendwo ist Beatrix von Storch so sehr, so ungeschliffen Beatrix von Storch wie bei Facebook. Bei Auftritten im Fernsehen oder vor der Kamera wirkt sie noch immer leicht verunsichert, unterkühlt sowieso, beinahe sachlich im Ton, wenn auch nicht in ihren Aussagen. Auf Facebook hingegen scheint sie ihre Gedanken von Reflexion ungebremst der Welt entgegenzuschleudern, nicht immer im Einklang mit der deutschen Rechtschreibung. Den vorläufigen Höhepunkt ihrer Facebook-Karriere erlebte sie, als sie sich dafür aussprach, im Notfall auch Schusswaffen gegen Frauen und Kinder an der Grenze einzusetzen. Erst später nahm sie Kinder davon aus. Dass sie ihre Äußerungen damit entschuldigt haben soll, auf der Maus ausgerutscht zu sein, bestreitet sie.

Unterkomplexes Weltbild

Wer sich einmal das Vergnügen zumutet,  die anderen Facebook-Statements von Beatrix von Storch zu lesen, der bemerkt schnell, dass sie auch sonst gerne provoziert. Der kommt der politischen Beatrix von Storch sehr nahe. Es ist der Ausflug in eine Welt, die so eindeutig und unterkomplex ist, dass sich eine Juristin, die sie ist, darin eigentlich langweilen müsste. Von Storch aber geht in dieser Welt auf. Weil sie dort alles rauslassen kann, was sie stört.

2009 legte sich von Storch einen Account zu. Damals hieß sie noch Beatrix von Oldenburg, bis zur Gründung der AfD sollten noch vier Jahre vergehen. Erst 2013 richtete sie sich auch eine eigene Facebook-Page als Politikerin ein. Mittlerweile nutzt sie ausschließlich dieses Profil für ihre Kommunikation mit der Öffentlichkeit. Doch egal, welches man sich anschaut, egal, aus welchem Jahr die Einträge sind – es sind die Einträge einer Dauerempörten.

Schon der erste noch aufzufindende Eintrag zeigt, wie von Storch bis heute tickt. Im Juli 2009 schreibt sie: "95 % des CO 2´s kommt aus den Ozeanen, 5 % vom Menschen. Deutschlands Anteil an den 5 % : ca. 3,5 %. Statt das zu halbieren für x-Milliarden sollten wir zur Rettung des Weltklimas besser die Ozeane zubetonieren." Es ist die typische Argumentation von Klimawandel-Skeptikern, die davon überzeugt sind, dass nicht der Mensch Schuld hat an der Erderwärmung. Um die eigene Position zu untermauern, greift von Storch auch auf die dünnsten Argumente zurück. Tenor: Diese ganzen Maßnahmen zur Senkung des CO2-Gehalts sind Geschäftemacherei. Dass jene 5 Prozent genau die sind, die den CO2-Kreislauf aus dem Gleichgewicht gebracht haben, übersieht sie.

Opfer eines Anschlags?

Auch anderswo wittert sie eine Verschwörung. Als 2012 eine Webseite nicht mehr zu erreichen ist, die sie zusammen mit ihrem Mann betreibt, postet sie: "Anschlag auf AbgeordnetenCheck.de: Nachdem heute 5 Bundesminister und 5 Fraktionschefs ca. 50.000 Protestemails gegen den morgigen ESM erhalten haben, ist AbgeordnetenCheck ABGESCHALTET worden. Will man so die Bürger MUNDTOT machen??!?! NICHT MIT UNS!!!" Als der Düsseldorfer Rosenmontagszug abgesagt wird, kommentiert sie: "Wann ist eigentlich der Karneval das letzte mal wegen Sturm abgesagt worden?"

Von Storch vertritt konservative und liberale Positionen, und die sieht sie schnell in Gefahr. Sie ist für das traditionelle Familienbild – Vater, Mutter, Kind – gegen die Homo-Ehe, gegen Abtreibung, gegen eine Frauenquote in der Wirtschaft und Gender-Mainstreaming. Ein Anliegen, das sie gerne ins Lächerliche zieht mit Kommentaren wie diesem: "Wenn es richtig ist, daß es nicht nur Mann und Frau gibt, sondern 55 andere ,Gender‘ noch dazu, ist dann nicht eine reine Frauenquote diskriminierend gegen die anderen 55 ,Gender‘? Brauchen wir dann nicht Quoten für alle?" Als Soziologen der Berliner Humboldt-Universität eine geschlechtsneutrale Sprache vorschlagen, zeigt sie, was sie von der Freiheit der Forschung hält: "Ich schlage vor, das ,Studienfach‘ Soziologie an der Berliner Humboldt-Uni einfach ersatzlos zu streichen. Die brauchen da eher einen Therapeuten." Schon 2009 hatte sie auf einen Eintrag von Volker Beck geantwortet: "Schluß mit der Heterophobie." Falls man die Homo-Ehe einführe, "muss man aber in die Eheprivilegierung auch all die aufnehmen, die sich in Liebe um ihre Oma, den Opa oder sonstwen kuemmern, mit dem sie unter einem Dach wohnen - oder? Wo ist der Unterschied?"

2009 bestritt sie sogar die Wirksamkeit von Kondomen. "Kondome schützen nicht vor AIDS!" Sie verweist dabei auf den Leserbrief in einer Zeitung. Eine Frau hatte geschrieben, sie gehe davon aus, dass 15 Prozent der Kondome in Afrika undicht seien. Das reicht für von Storch aus, um gleich Kondome als solches in Zweifel zu ziehen. Sollen die Leute bloß nicht auf die Idee kommen, sie könnten außerhalb von langen Partnerschaften gefahrlos Sex haben.

CDU nicht christlich genug

Die CDU ist ihr schon lange nicht mehr christlich genug. Ihre Abneigung gegen Partei und Kanzlerin Merkel hat auch damit zu tun, dass sie glaubt, diese würden sich nicht  mehr für christliche Werte einsetzen. "Gegen Atomkraft und gegen Wehrpflicht, für Mindestlöhne und für Homo-Ehe. Ganz wertfrei: wer braucht so eine CDU?", fragte sie im Februar 2013. Oder vor einigen Monaten: "Die bald Ex-Kanzlerin Merkel ruiniert unser Land, wie es seit '45 keiner mehr getan hat. Der Platz in unseren Geschichtsbüchern ist ihr sicher. Und ich nehme Wetten an: wenn sie bald zurücktritt, wird sie das Land verlassen. Aus Sicherheitsgründen." Oder auch: "Frau Merkel hat offenbar eine Entscheidung getroffen: Sie will nicht unsere Sicherheit verteidigen, sondern sie stellt die Sicherheit aller Migranten der Welt davor." Die Bundesregierung in der Flüchtlingskrise ist neben der angeblichen Islamisierung das Thema, das sie in den vergangenen Monaten am häufigsten bedient. Es hat alle anderen an den Rand gedrängt.

Dabei spielt es für sie keine Rolle, wen die Kritik trifft. Als Jugendliche am Hauptbahnhof in Berlin Flüchtlinge willkommen heißen, kommentiert sie: "Die Gutmenschen hier haben heute, glaube ich, noch keine Nachrichten geschaut. Und in den letzten Wochen auch nicht." Es kann auch andere politisch engagierte Jugendliche treffen. Bei einem Wahlkampftermin: "Vor dem Lokal stehen die Jusos- mit Torten. Die sind soooooo lustig. Und sooo tolerant. Und SOOO DOOF. Kinder, Kinder. Die sind echt völlig verstrahlt und das lebende Beispiel für das Versagen unseres Bildungssystems. Nix gewusst, nix dazugelernt und dann die Hälfte vergessen." Über die Grüne Jugend schreibt sie: "Die Grüne Jugend kämpft in bester NAZI-Manier gegen Andersdenkende. Wer ihr Weltbild nicht teilt, wird niedergeknüppelt."

Um Argumente zu finden, die Grenzen zu schließen, greift sie auf alles zurück: "Fokus berichtet: ISIS will Europa mit 500.000 Migranten fluten. WENN DAS wahr ist, was bleibt anderes, als die EU-Außengrenze dicht zu machen und ggfls. unsere Grenze wieder selbst zu schützen? #IS #ISIS #Terror". Beatrix von Storch wägt nicht ab. Sie hat kein Maß. Für sie ist immer alles eindeutig, für sie ist die Welt in Gut und Böse unterteilt. Es gibt Punkte in der Flüchtlingspolitik, über die man diskutieren kann. Aber dass sie ihre Kritik gleich so übertrieben vorträgt, macht es schwierig, darüber mit ihr zu diskutieren.

Vergleicht Deutschland mit Nordkorea

Doch so sehr es Storch wünscht, dass der Staat Vorgaben macht, wer heiraten darf und wer nicht, wer Kinder adoptieren darf und wer nicht, so sehr sie sich an den Außengrenzen einen starken Staat wünscht, so wenig erlaubt sie den Eingriff des Staates in anderen Bereichen. Da wird Storch liberal. So wettert sie gegen die Rundfunkgebühren: "Außer in Nordkorea- wo gibt es das sonst noch, eine ,wohnungsabhängige, geräteunabhängige‘ Fernsehgebühr?", einen Beitrag der Tagesschau über die AfD nennt sie "Zwangsgebührenfinanzierte Volksverdummung". Kritik äußert sie nie sachlich, sondern immer beleidigt bis erzürnt.

Zu ihren größten Feindbildern gehört die EU. Der Rettungsschirm ESM führt überhaupt erst dazu, dass sie sich auf Facebook vermehrt äußert. Kurz bevor sich am 12. September 2012 das Bundesverfassungsgericht entscheiden musste, ob der ESM gegen die Verfassung verstößt, schrieb sie: "9/11 war gestern. Morgen ist 9/12." In Brüssel gibt es selbstverständlich auch eine "Abtreibungs- und Pädophilen-Lobby". Die EU  "ist nicht UNdemokratisch. Sie ist ANTIdemokratisch." Mario Draghi, den Präsidenten der Europäischen Zentralbank, nennt sie einen "Verbrecher".

Sowieso scheinen ihr die mächtigsten Gegner die liebsten zu sein. Als Al Gore einmal postete, dass im März 2012  15.000 Temperatur-Rekorde gesetzt worden seien, antwortete sie mit dem unschlagbaren Gegenargument: "lol !!!" Nach allem, was wir wissen, ließ sich Al Gore davon nicht stören.

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