Gefahr bei Angriffen mit Passagierflugzeugen: Amt will fünf Atomkraftwerke abschalten lassen
zuletzt aktualisiert: 21.02.2004 - 20:08Berlin (rpo). Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hat die Industrie aufgefordert, fünf ältere Atomkraftwerke vorzeitig vom Netz zu nehmen. Grund: Sie seien nicht gegen die Gefahr von Terrorangriffen gesichert.
Die Kraftwerke Philippsburg 1, Isar 1, Brunsbüttel, Biblis A und Obrigheim seien gegen Angriffe mit Passagierflugzeugen nicht genug gesichert, sagte BfS-Präsident Wolfram König der "Berliner Zeitung" (Samstagausgabe).
Im Gegenzug könne die Stromwirtschaft modernere Atomkraftwerke länger laufen lassen als im Ausstiegskonsens mit der Bundesregierung vorgesehen, schlug König vor. Gleichzeitig warf er der Atomindustrie vor, "ihrer Verantwortung noch nicht in dem Maße gerecht geworden" zu sein, wie es nach dem 11. September 2001 nötig gewesen wäre.
Nach Angaben des Bundesumweltministeriums waren die Gefahren eines Angriffs auf eine Atomanlage unmittelbar nach den Anschlägen in New York untersucht und die Ergebnisse vor mehr als einem Jahr an die Länder weitergeleitet worden. Bislang seien die zuständigen Landesatomaufsichten der Bitte, die konkrete Gefahrensituation der einzelnen Anlagen zu untersuchen, noch nicht nachgekommen, erklärte eine Sprecherin. Alte Anlagen vorzeitig vom Netz zu nehmen und die verbleibende Reststrommenge auf neuere zu übertragen, sei den Betreibern erlaubt und ohne wirtschaftliche Einbußen möglich.
Nach Ansicht des energiepolitischen Sprechers der Naturschutzorganisation BUND, Klaus Traube, wäre die Abschaltung der fünf älteren Kraftwerke zwar sinnvoll, aber angesichts der wirklichen Bedrohung nicht mehr als eine "hilflose Geste". Vor dem gezielten Absturz einer schweren Verkehrsmaschine sei keiner der 18 aktiven deutschen Atommeiler wirklich sicher. Sollte es dazu kommen, drohe eine Katastrophe wie in Tschernobyl. "Allerdings wären in Deutschland auf Grund der Bevölkerungsdichte deutlich mehr Menschen betroffen", betonte der Ex-Atommanager.
Während die alten Reaktoren noch "überhaupt nicht gesichert" seien, sagte Traube, könnten Ende der 70er Jahren gebaute Kraftwerkmodelle "den unfreiwilligen Absturz einer Militärmaschine" verkraften, modernere Anlagen "wahrscheinlich auch den Absturz eines leichten, langsam fliegenden Verkehrsflugzeuges". Nach den Anschlägen vom 11. September sei jedoch deutlich geworden, dass sich ein solches Szenario nicht auf den zufälligen Absturz einer Verkehrsmaschine begrenzen würde.
"Praktisch nichts zu machen"
Gezielten Terroranschlägen mit großen, vollgetankten Verkehrsmaschinen hätte kein Atomkraftwerk etwas entgegenzusetzen, und auch mit baulichen Maßnahmen sei "praktisch nichts zu machen", sagte Traube. Auch der Installation von Fliegerabwehrgeschützen, dem möglichen Abschuss entführter Maschinen und dem von Betreibern propagierten Konzept einer "blitzartigen Einnebelung", die im Falle eines Angriffs die Sicht nehmen soll, steht der Experte kritisch gegenüber.
Der Terrorismusexperte Kai Hirschmann vom Institut für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik in Essen hält einen solchen Angriff für relativ unwahrscheinlich, da die dafür nötige umfangreiche Planung angesichts des derzeitigen Fahndungsdrucks sehr schwierig wäre. Ausschließen könne man einen solchen Anschlag jedoch nicht, sagte Hirschmann auf AP-Anfrage.
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