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SPD-Vize auf dem Vormarsch: Andrea Nahles - Genossin Zukunft

VON MICHAEL BRÖCKER - zuletzt aktualisiert: 14.08.2009 - 17:30

Bonn (RP). Wie auch immer die Bundestagswahl für die SPD ausgeht: An Vize-Chefin Andrea Nahles führt kein Weg vorbei. Die 39-Jährige hat längst ihre Truppen gesammelt und sich in der Mitte der Partei verortet. Ihr Ziel: Parteivorsitzende. Schon im Herbst 2009 könnte es soweit sein.

In der Eifel braucht Andrea Nahles die SPD nicht. Auf den Wahlplakaten, die die stellvertretende SPD-Vorsitzende in ihrer Heimat kleben läßt, steht: „Die Nahles”. Ohne Parteilogo. „Das hätte mir nur den Gag kaputt gemacht”, sagt sie schelmisch.

Nicht nur in der Region zwischen Rheinland und Pfalz ist die Sozialdemokratin als solche bekannt. Die SPD-Vizechefin, Vorzeigelinke und einflussreiche Bundestagsabgeordnete gilt als das Gewissen der Genossen, als größtmögliche Parteiversteherin. Seitdem die Tochter eines Maurermeisters mit 18 Jahren ausgerechnet in ihrer katholisch-konservativen Heimat Weiler einen SPD-Ortsverein gründete und sich selbst an die Spitze setzte, ist sie ein „political animal”, Politikjunkie.

Ohne Nahles keine Mehrheit

Im Herbst 2009 könnte die an Siegen und Niederlagen reiche Karriere der 39-Jährigen ihren vorläufigen Höhepunkt erreichen. Denn egal wie die SPD am 27. September abschneidet, Nahles wird zu den Gewinnern gehören. So oder so. Retten sich die Genossen in eine große Koalition, wird die Alt-Männer-Riege um Franz Müntefering der loyal-disziplinierten Stellvertreterin ein Ministeramt anbieten. Immerhin schluckte die Parteilinke in den vergangenen Monaten einige inhaltliche Kröten, etwa die Schuldenbremse.

Den Sturz ihres rheinland-pfälzischen Mentors Kurt Beck kommentierte sie kritisch, aber mit gebremsten Schaum. Sollte die SPD nach elf Jahren Regierungsarbeit in der Opposition landen, ist Nahles die Prima inter pares der übrigbleibenden Spitzenkräfte. Keine Entscheidung dürfte ohne die einflussreiche Ex-Juso-Vorsitzende, von der FDP-Chef Guido Westerwelle sagt, dass sie für „90 Prozent der SPD steht”, getroffen werden.

Mit Olaf Scholz, als Fraktionschef gehandelter SPD-Arbeitsminister, ist sie vor Monaten ein strategisches Bündnis eingegangen. Beide arbeiten eng zusammen, sprechen sich teilweise mehrfach täglich ab. „Das ist eine Vertrauenssache geworden”, sagt einer, der beide kennt.

Am Ende könnte die Arbeitsteilung so aussehen: Nahles kümmert sich um die Partei, tritt entweder schon im November 2009, spätestens 2011 mit Erfolgsaussichten als Parteivorsitzende gegen Müntefering an. Scholz, gewiefter Taktiker und Organisator, leitet dafür die Bundestagsfraktion. Damit hätte Nahles nebenbei ihren ewigen Widersacher Sigmar Gabriel ausgeschaltet. Der ehrgeizige Umweltminister will Fraktionschef werden. Sein Verhältnis zu Nahles ist mit dem Begriff „unterkühlt” indes noch euphemistisch umschrieben.

Leidenschaftlicher Wahlkampf für Steinmeier

Nahles sagt zu solchen Spekulationen nichts. Nur soviel: „Ich will nicht als arbeitsmarktpolitische Sprecherin in Rente gehen.” Jetzt ist aber Wahlkampf angesagt. Für Steinmeier. Am Dienstag machte sie auf ihrer Sommerreise Halt in NRW, warb leidenschaftlich für den Deutschland-Plan des Kanzlerkandidaten. In Steinmeiers Team ist sie für Bildung und Integration zuständig. Eine Behindertenwerkstatt in Bornheim, ein Jugendtreff und ein Eltern-Kind-Café in Bonn gehörten passenderweise zu ihren Stationen. Nahles ist fröhlich, aufgeräumt. Die miesen Umfragewerte scheren sie nicht. „Umfragen halt”, sagt sie.

Das Bild der ehrgeizigen Egomanin, das in den Medien oft gezeichnet wurde, als sie 2005 mit ihrer zunächst gewonnenen Kampfkandidatur als Generalsekretärin Franz Müntefering zum Rücktritt als Parteichef zwang, will sich im Alltag nicht einstellen. Unverkrampft, mit einem burschikosen Eifel-Charme ausgestattet, geht sie auf das Wahlvolk zu. Wohl kaum ein deutscher Politiker lacht so häufig (und so laut) wie sie.

In einem Bonner Problemviertel erzählen ihr Jugendliche, dass sie auf die Ausbreitung der Schweinegrippe hoffen, damit die Schulferien länger dauern. „Kann ich verstehen”, entgegnet die Politikerin. Das rheinische Plural-Du legt sie auch im Gespräch mit Unternehmern und Erzieherinnen nicht ab. „Ihr macht wirklich tolle Arbeit”, sagt sie etwa. Nur der minütliche Blick auf den Blackberry, ihr internetfähiges Telefon, auf dem die Politik-Nachrichten einlaufen, verrät ihren inneren Drang zur Macht.

Nahles‘ Netzwerk ist exzellent. Stets war die Juso-Frau so etwas wie die Vermieterin der politischen Hinterzimmer, organisierte Mehrheiten, formulierte Anträge, schaffte Abhängigkeiten. Systemisches Denken, sagt sie, habe sie im Studium gelernt. „Das macht auch in der Politik Spaß.” Überall im Land sitzen Freunde aus gemeinsamen Juso-Tagen. In Bonn, wo sie ihr Germanistik-Studium mit einer Arbeit über „Die Katastrophe im Serien-Liebesroman” beendete, hält sie der Vize-Chef der Bundestagsfraktion, UliKelber, auf dem Laufenden.

Zum saarländischen Vielleicht-Ministerpräsidenten Heiko Maas hat sie ebenso einen engen Draht wie zum schleswig-holsteinischen SPD-Chef Ralf Stegner, mit dem sie 2007 die Wahl Gabriels ins SPD-Präsidium verhinderte. Die emporstrebende Sozialministerin aus Mecklenburg-Vorpommern, Steinmeiers Schattenministerin Manuela Schwesig, lud Nahles als erstes führendes Mitglied der Bundespartei zum Essen ein. Man versteht sich.

Dinner-Runde mit Wirtschaftschefs

Für das unausgesprochene Fernziel stellt sich die frühere Linken-Ikone inzwischen inhaltlich breit auf. Sie diskutiert mit Wirtschaftsführern bei Spitzenwein in Dinner-Runden, trifft den Hauptgeschäftsführer der Bauindustrie zum Kaffee oder tauscht sich mit Daimler-Managern aus. „Ich bin Zentristin”, sagt sie. Vertraute streuen gerne, dass sie selbst als Juso-Chefin „nie für Verstaatlichung” war.

Und Nahles kann vermitteln. Am Donnerstag lädt Nahles zum Versöhnungsgipfel zwischen Kurt Beck und Frank-Walter Steinmeier in ihren Wahlkreis. Selbst Nahles schärfster Widersacher im Streit um die „Agenda 2010”, Altkanzler Gerhard Schröder, hat sich offenbar mit einer SPD-Vorsitzenden Nahles abgefunden.

Neulich lobte er in kleiner Runde ihre „erstaunliche Entwicklung”. Von dem „Mädchen aus der Eifel” (Bild-Zeitung) hat sie nicht mehr viel, vielleicht noch die Liebe zu Pommes Frites. Die große Politik ist ihr Leben. „Wo ich herkomme”, hat sie mal gesagt, „wird man als katholisches Mädchen entweder Weinkönigin oder Funkemariechen.” Oder Parteivorsitzende.


 
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