| 19.55 Uhr

Merkel gibt Kanzlerkandidatur offiziell bekannt
"Diese Wahl wird wie keine zuvor schwierig"

Die politische Karriere der Angela Merkel
Die politische Karriere der Angela Merkel
Berlin. Am Abend hat die Bundeskanzlerin es offiziell gemacht: Angela Merkel hat ihre Bereitschaft angekündigt, erneut für den CDU-Vorsitz und auch für die Kanzlerkandidatur 2017 anzutreten. Für den kommenden Bundestagswahlkampf erwartet sie Anfechtungen von allen Seiten.

"Diese Wahl wird wie keine zuvor - jedenfalls seit der deutschen Wiedervereinigung nicht - schwierig", sagte Merkel am Sonntagabend in Berlin. Sie erwarte nicht nur Herausforderungen von Rechts und von Links und eine starke Polarisierung der Gesellschaft. Auch europäisch und international drohten Anfechtungen "für unsere Werte" und "unsere Art zu leben". Merkel will 2017 zum vierten Mal Kanzlerin werden.

Die Menschen hätten in diesen Zeiten wenig Verständnis, "wenn ich jetzt nicht noch einmal meine ganze Erfahrung und das, was mir an Gaben und Talenten gegeben ist, in die Waagschale werfen würde, um meinen Dienst für Deutschland zu tun", sagte Merkel am Sonntagabend in Berlin. "Ich habe sprichwörtlich unendlich viel darüber nachgedacht. Die Entscheidung für eine vierte Kandidatur ist nach elf Amtsjahren alles andere als trivial. Ich brauche lange und die Entscheidungen fallen spät - dann stehe ich aber auch dazu." Merkel sagte zudem, es gehe nicht nur um eine Entscheidung für den Wahlkampf, sondern "für die vier vollen Jahre".

"Erwartungen sind zum Teil grotesk"

Merkel sagte weiter, sie empfinde die teils hohen Erwartungen an eine mögliche weitere Amtszeit von ihr nach eigenen Worten als übertrieben. All das, was damit besonders nach dem Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentenwahl verbunden werde, "das ehrt mich zwar, aber ich empfinde es auch sehr stark als grotesk und geradezu absurd", sagte Merkel am Sonntag in Berlin. Insgesamt gehe es in der Politik um den Ausgleich von Interessen. "Mein Ziel in der Politik ist es, für den Zusammenhalt in unserem Land zu arbeiten", sagte Merkel. "Wir wollen miteinander wie Demokraten streiten." Sie freue sich auf die politischen Auseinandersetzungen in den kommenden Monaten. "Wir werden sie unter Demokraten führen und im Ton der Demokraten."

Die CDU-Vorsitzende äußerte sich am Sonntag nach der Sitzung des Präsidiums und des Bundesvorstandes ihrer Partei in Berlin. Anfang Dezember will sie sich auf dem Parteitag in Essen erneut zur Parteichefin wählen lassen.

Am Nachmittag war schon aus Parteikreisen durchgedrungen, dass Merkel erneut kandidieren wird.

CDU-Politiker erleichtert

CDU-Spitzenpolitiker äußerten sich durchweg erleichtert über Merkels Ankündigung. Der stellvertretende CDU-Vorsitzende und hessische Ministerpräsident Volker Bouffier sagte: "In einer immer unübersichtlichen Welt ist sie ein Garant der Stabilität." CDU-Vize Armin Laschet sagte vor dem CDU-Treffen, Merkel habe in den vergangenen Tagen und Wochen viel außenpolitisches Lob erfahren. "Ich finde es wichtig, dass wir jemanden haben, der die Gesellschaft im Inneren zusammenhalten kann."

Trotz unüberbrückbarer Differenzen - wie bei der Forderung nach einer Obergrenze für die Flüchtlingsaufnahme - stellte sich auch CSU-Chef Horst Seehofer hinter Merkel. "Es ist gut, dass jetzt Klarheit herrscht und dass sie sich entschieden hat", sagte er in München. Nun werde man klären, mit welchen Themen man gemeinsamen in den Wahlkampf gehe - und wo es bei Differenzen bleibe. Aber an der "gemeinsamen Kanzlerkandidatin" könne man ja jetzt nicht ersthaft zweifeln.

Seehofer wird aber nicht als Gast zum CDU-Parteitag in Essen am 6. Dezember kommen. Beide hätten sich geeinigt, "im Sinne der Reziprozität" (Wechselseitigkeit) zu verfahren, sagte Merkel. Sie war ihrerseits nicht beim CSU-Parteitag eingeladen.

DGB-Chef Reiner Hoffmann begrüßte im "Tagesspiegel", dass Merkel Klarheit geschaffen hat. "Wir benötigen jetzt aber auch Klarheit bei der SPD." Deshalb sei es an der Zeit, dass sich SPD-Chef Sigmar Gabriel erkläre. Mit Merkels Entscheidung rund zehn Monate vor der Bundestagswahl könnte Gabriel unter Druck geraten, nun die Kanzlerkandidatur in seiner Partei zu klären. SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann sagte der dpa in Berlin: "Die Bundestagswahl ist offen, Angela Merkel ist nicht mehr unschlagbar." 

Die Linke prophezeite für den Fall einer weiteren Amtszeit der Kanzlerin die Fortsetzung einer "Politik der sozialen Spaltung". Die Grünen kündigten einen harten Wahlkampf über Klimaschutz und gesellschaftlichen Zusammenhalt an. FDP-Chef Christian Lindner hielt Merkel eine "angegrünte" Innenpolitik vor und sagte der dpa: "Die Union zieht ihren letzten Trumpf und weiß nicht, ob er noch sticht."

Gabriel sieht sich nicht unter Zugzwang

SPD-Chef Gabriel hatte am Samstag bei einem Landesparteitag in Erfurt gesagt: "Wir freuen uns auf eine demokratische Auseinandersetzung." Auf die Frage, ob die SPD nun im Zugzwang sei, sagte er: "Das heißt nichts für die SPD." Gabriel hat bisher offen gelassen, ob er als Kanzlerkandidat antritt. Auch EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD) werden Ambitionen nachgesagt.

EU-Kommissar Günther Oettinger sagte, "fast alle" Europäer wünschten sich, dass Merkel noch lange Verantwortung im Europäischen Rat trage.

Merkel ist seit April 2000 CDU-Vorsitzende und seit November 2005 Kanzlerin. Sollte sie 2017 zum vierten Mal gewinnen, hat sie die Chance, CDU-Mitbegründer Konrad Adenauer und auch Rekordhalter Helmut Kohl einzuholen. Adenauer war 14 Jahre, Kohl 16 Jahre Bundeskanzler.

Trotz der Flüchtlingskrise und der daraufhin einbrechenden Beliebtheitswerte gilt Merkel international nach dem Wahlsieg von Donald Trump in den USA als letzte Verteidigerin westlicher Werte.

Nach einer Emnid-Umfrage für die "Bild am Sonntag" wünschen sich 55 Prozent der Bürger eine weitere Amtszeit Merkels, 39 Prozent nicht. Selbst 54 Prozent der traditionellen SPD-Wähler wollten Merkel.

Die CDU will im Wahlkampf enttäuschte Wähler zurückgewinnen und ihre Politik stärker auf Familien und Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen ausrichten. Nach dem Entwurf eines Leitantrags für den Parteitag soll sich eine Flüchtlingskrise wie 2015 nicht wiederholen.
Integrationsverweigerer sollen mit Sanktionen bis hin zu Leistungskürzungen und Ausweisung rechnen.

Infografik: Knackt Merkel den Kohl-Rekord? | Statista
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(felt/dpa/REU/AFP)
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