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Die Kanzlerin und die Macht der Worte
Angela Merkel und das postfaktische Zeitalter

Angela Merkel und das postfaktische Zeitalter - Die Kanzlerin und die Macht des Wortes
FOTO: ap, MS
Berlin. Ein neuer Begriff macht die Runde: postfaktisch. Komisches Wort, irgendwie sperrig und kryptisch. Könnte aber Kult werden in der Berliner Politik. Denn "postfaktisch" hat die Kanzlerin erobert - beziehungsweise umgekehrt.

Der ein oder andere Politiker, Sprecher oder Journalist hat es schon vor ihr in den Mund genommen, aber nun tun es immer mehr. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Philipp Lengsfeld, der mit Angela Merkels "Wir schaffen das" so seine Probleme hatte, unkt bereits: "Nicht schon wieder so ein Satz."

Dabei ist "postfaktisch" noch kein Satz, und muss erst einmal erklärt werden. Merkel hat das am 19. September bei ihrem selbstkritischen Auftritt nach der für die CDU verlorenen Berlin-Wahl so getan: "Es heißt ja neuerdings, wir lebten in postfaktischen Zeiten. Das soll wohl heißen, die Menschen interessieren sich nicht mehr für Fakten, sondern folgen allein den Gefühlen." Deshalb will sie es jetzt mit mehr Gefühl versuchen. Fakten kann sie herunterbeten, klar. Aber Gefühle zu zeigen, ist für eine Kanzlerin schon schwerer.

Es folgt dann die eher etwas bemüht und unbeholfen wirkende Formulierung: "Ich will dem also meinerseits mit einem Gefühl begegnen. Ich habe das absolut sichere Gefühl, dass wir aus dieser - zugegeben komplizierten - Phase besser herauskommen werden, als wir in diese Phase hineingegangen sind." Es ist fraglich, ob das die Menschen mehr beeindruckt, als wenn die Regierungschefin wie früher bei der Schulden-, Finanz-, Euro- oder Griechenland-Krise sagen würde: "Ich bin fest davon überzeugt, dass wir aus dieser Krise besser herauskommen werden, als wir hineingeraten sind."

"Stimmungen und Gefühle haben mehr Einfluss auf die politische Wirklichkeit als Wahrheiten"

"Der Spiegel" hat dem "Postfaktischen Regieren" einen ganzen Leitartikel gewidmet. Stimmungen und Gefühle hätten mehr Einfluss auf die politische Wirklichkeit als Wahrheiten, Merkel sei ein Opfer der Stimmungen geworden, heißt es da.

Wie sonst wären auch Wahlerfolge von Rechtspopulisten zu erklären, die vom Niedergang Deutschlands sprechen, während die große Koalition das Asylrecht massiv verschärft hat, die Flüchtlingszahlen zurückgehen und die Republik wirtschaftlich bestens dasteht. Der Vorsitzende der Alternative für Deutschland in Berlin, Georg Pazderski, jedenfalls sagt: "Das, was man fühlt, ist auch Realität."

"Der Spiegel" hat noch etwas beschrieben. Nämlich wie die CDU-Chefin auf "postfaktisch" kam. Eigentlich gilt die Absprache, dass Journalisten, die die Kanzlerin auf Auslandsreisen begleiten, nicht aus Gesprächen mit ihr im Flugzeug zitieren. Aber diese Episode wollte das Magazin dann doch nicht verheimlichen:

"Auf dem Rückweg vom G20-Gipfel wird Merkel gefragt, ob es ihr keine Sorgen bereite, dass die Politik im Zeitalter des Postfaktischen angekommen sei - dass also Parteien wie die AfD oder Politiker wie Donald Trump mit Slogans Erfolg haben, die sich völlig von der Realität abgelöst haben. Merkel schaut fragend und sagt, sie müsse postfaktisch erst einmal in ihren Wortschatz aufnehmen."

Gefragt wurde die Kanzlerin von der NDR-Hörfunkchefin in Berlin, Anna Engelke, der noch diese Äußerung von Merkel im NDR im Ohr war: "Es ist in der Tat so, dass es in Mecklenburg-Vorpommern sehr wenige Flüchtlinge gibt verglichen mit anderen Bundesländern. (...) Trotzdem gibt es eine Sorge. Eine Sorge vielleicht, dass Ansprüche und Hoffnungen der Menschen in Mecklenburg-Vorpommern zu kurz kommen könnten. (...) Es ist subjektiv ein Thema, das den Menschen Sorgen bereitet. Deswegen muss man darüber reden und das habe ich getan." Quasi postfaktisch, ohne es da schon so als solches zu bezeichnen.

Es ist bekannt, dass Merkel Informationen aufsaugt wie ein Schwamm. Sie hört anderen gern zu, um später damit Politik zu machen. Wie vor der Bundestagswahl im September 2013. In einer TV-Sendung mit Merkel beklagte ein Arbeitnehmer, dass er seit 2003 als Leiharbeiter bei ThyssenKrupp arbeite - als einer von 500 Leiharbeitern im Verhältnis zu einer Stammbelegschaft von 30 bis 40 Mitarbeitern. Recht ungläubig sagte Merkel: "Leiharbeit ist ja nicht dafür gedacht, dass man sie zehn Jahre macht. (...) Das würde ich mir schon noch mal gerne angucken." Die dann gebildete große Koalition beschloss schließlich, ab 2017 Leiharbeit auf eine Dauer von 18 Monaten zu begrenzen.

Zwei Tage nach dem Rückflug vom G20-Gipfel sagte Merkel am 7. September im Bundestag: "Wenn wir anfangen, dabei mitzumachen, dass Fakten beiseitegewischt oder ignoriert werden können, dann sind verantwortbare und konstruktive Antworten in der Sache nicht mehr möglich. Wenn wir anfangen, uns (...) an denen zu orientieren, die an Lösungen nicht interessiert sind, verlieren am Ende wir die Orientierung." Der Schweizer Physiker und Philosoph Eduard Kaeser sieht im postfaktischen Zeitalter die Gefahr einer "Demokratie der Nichtwissenwollengesellschaft" - als Folge der Informationsflut in der digitalen Welt, die zentrale Standards wie Objektivität und Wahrheit auswäscht. Daran können gerade Politiker scheitern.

(felt/dpa)
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