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Jahrestag des Anschlags von Berlin
"Wir müssen aus Fehlern lernen"

Anschlag am Breitscheidplatz in Berlin: Angela Merkel gesteht Fehler ein
Berlin. Ein Jahr nach dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin ist an die Opfer erinnert worden. Bundespräsident Steinmeier und Kanzlerin Merkel räumten ein, dass der Staat die Angehörigen und Überlebenden zu wenig unterstützt habe.

Manche Unterstützung für die Angehörigen der Opfer und für die Verletzten sei spät gekommen und unbefriedigend geblieben, sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einer nicht öffentlichen Gedenkveranstaltung vor Hinterbliebenen in der Berliner Gedächtniskirche. "Viele Hinterbliebene und Verletzte - viele von Ihnen - haben sich nach dem Anschlag vom Staat im Stich gelassen gefühlt."

Berlin gedenkt der Opfer des Anschlags am Breitscheidplatz FOTO: Reuters/Fabrizio Bensch

Die Gesellschaft dürfe dem Terror nicht nachgeben, sagte Steinmeier weiter. "Aber das darf nicht dazu führen, dass wir den Schmerz und das Leid verdrängen." Denn: "Dass wir miteinander traurig, miteinander wütend, miteinander fassungslos sind - auch das gehört zum Zusammenhalt, den wir brauchen, um gemeinsam unsere Freiheit zu verteidigen." An die Adresse der Verletzten und Hinterbliebenen sagte Steinmeier: "Ich will Ihnen versichern: Wir lassen Sie mit alldem nicht allein."

"Heute ist ein Tag der Trauer"

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte zu, Lehren aus den Erfahrungen im Umgang mit den Betroffenen zu ziehen. Gespräche mit den Hinterbliebenen hätten ihr gezeigt, welche Schwächen der Staat in dieser Situation gezeigt habe, sagte die Kanzlerin am Rande der Gedenkveranstaltungen. "Heute ist ein Tag der Trauer, aber auch ein Tag des Willens, das, was nicht gut gelaufen ist, besser zu machen", versprach sie. Dabei gehe es nicht nur darum, Sicherheit zu gewährleisten, sondern auch darum, den Opfern dabei zu helfen, "möglichst gut wieder in das Leben hineinzukommen".

Kanzlerin Angela Merkel besucht Breitscheidplatz FOTO: dpa

Am Montag hatte Merkel etwa 80 Opfer und Hinterbliebene im Kanzleramt empfangen. Sie hatten der amtierenden Regierungschefin zuvor in einem offenen Brief Versagen vorgeworfen und kritisiert, dass sie nicht persönlich kondoliert habe. In einigen Monaten sei ein weiteres Treffen geplant, kündigte Merkel nun an.

Seit Dienstag erinnert am Tatort ein Mahnmal an den Anschlag. Der tunesische Attentäter Anis Amri war am Abend des 19. Dezember 2016 mit einem gekaperten Laster in den Weihnachtsmarkt gerast. Wenige Tage später wurde er auf der Flucht in Mailand von italienischen Polizisten erschossen.

Mahnmal symbolisiert Riss im Leben der Betroffenen

Am Jahrestag des Anschlags gab es in Berlin unter schärfsten Sicherheitsvorkehrungen eine ganze Reihe von Gedenkveranstaltungen, zu denen neben 80 Opfern und Angehörigen auch rund 40 Helfer erwartet wurden. Das Mahnmal stellte Berlins Regierungschef Michael Müller (SPD) zunächst nur den Betroffenen vor, nach einer ebenfalls nicht öffentlichen interreligiösen Andacht in der Gedächtniskirche wurde es der Öffentlichkeit übergeben.

Ein knapp 17 Meter langer, goldener Riss im Boden soll den tiefen Einschnitt im Leben der Betroffenen symbolisieren. In den Treppenstufen vor der Kirche sollen die Namen der Toten aus sechs Staaten die Erinnerung wachhalten. "Der Anschlag hat geliebte Menschen aus unsere Mitte gerissen, die wir schmerzlich vermissen", sagte Müller. Er habe "die Menschlichkeit getroffen". Aber am Ende habe der Terror nicht gesiegt. "Wir wollen uns nicht durch Terror und Hass spalten lassen. Darum ist das Gedenkzeichen auch ein Symbol für Toleranz und gegen Verbohrtheit."

Am Nachmittag versammelten sich Vertreter der Stadtgesellschaft sowie Hinterbliebene zu einer Gedenkstunde im Berliner Abgeordnetenhaus. Hierbei bat Müller Verletzte und Angehörige der Toten um Verzeihung. Der SPD-Politiker räumte ein, dass es schwere Pannen bei der Verfolgung des Täters gegeben habe und dass das Verhalten der Verwaltung nach dem Anschlag als demütigend empfunden werden konnte. 

"Dieser Anschlag hätte nie passieren dürfen"

Der Attentäter Amri, der sich unter verschiedenen Identitäten als Asylbewerber in mehreren Bundesländern aufhielt, war den Behörden als sogenannter Gefährder schon länger bekannt. Dennoch wurde er nicht festgesetzt oder abgeschoben. Den Sicherheitsbehörden unterliefen schwere Pannen, Ermittlungsfehler und Fehleinschätzungen.

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Nach den Worten von Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU)
zogen sie inzwischen Konsequenzen. Man habe aus dem Fall gelernt, in den vergangenen 365 Tagen sei viel dafür getan worden, "damit so etwas nicht noch einmal passiert", twitterte er. Steinmeier beklagte, dass der Staat die Opfer nicht habe schützen können. "Unsere Haltung muss sein: Dieser Anschlag hätte nie passieren dürfen", sagte er. "Wir müssen Versäumnisse aufklären und aus Fehlern lernen."

(ate/wer/dpa)
 
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