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Antisemitische Hetze
Juden in Deutschland sorgen sich zunehmend um ihre Sicherheit

Antisemitismus: Juden in Deutschland sorgen sich um ihre Sicherheit
Am Frankfurter Opernplatz ist der Rabbiner Zalman Gurevitch am 25. Dezember 2016 vor einem Channukah-Leuchter zu sehen. FOTO: dpa, ade soe
Berlin. Für viele Juden in Deutschland gehören antisemitische Erfahrungen zum Lebensalltag. Experten warnen davor, das Problem zu verharmlosen - und fordern einen nationalen Antisemitismus-Beauftragten. 

Immer mehr Juden machen sich hierzulande Sorgen um ihre Sicherheit. Das geht aus dem Antisemitismus-Bericht einer vom Bundestag eingesetzten Expertenkommission hervor, den diese am israelischen Holocaust-Gedenktag in Berlin vorstellte. Juden hätten im Alltag oft mit antisemitischen Erfahrungen zu kämpfen, vor allem das Internet und die sozialen Medien seien zu zentralen Verbreitungsinstrumenten von Hassbotschaften und Hetze geworden, so die Experten. 

Deshalb fordert die 2014 eingerichtete Kommission eine verbesserte Erfassung und Ahndung antisemitischer Straftaten sowie die Stärkung von Beratungsangeboten für die Betroffenen. Außerdem sollte die Bundesregierung den Experten zufolge einen nationalen Beauftragten für Antisemitismus einsetzen.

Vor allem der Antisemitismus unter Muslimen werde als wachsendes Problem wahrgenommen, heißt es in dem Abschlussbericht. Gleichzeitig warnen die Sachverständigen aber vor voreiligen Schlussfolgerungen. Das rechtsextremistische Lager sei nach wie vor der bedeutendste Träger des Antisemitismus in Deutschland.

Für die vom Bundestag eingesetzte Kommission, der neun unabhängige Experten angehören, stellte die Historikerin Juliane Wetzel fest: "In der Öffentlichkeit steht die Gruppe der Muslime als vermeintliche Hauptverursacher des Antisemitismus im Fokus. Mit der Flüchtlingswelle haben solche Zuschreibungen noch zugenommen." Der Rechtsextremismus sei dagegen als zentrales Milieu antisemitischer Inhalte in der Wahrnehmung in den Hintergrund getreten.

Muslimische Verbände und Moscheegemeinden würden undifferenziert als Hort antisemitscher Agitation gesehen, Imame als Hassprediger charakterisiert, sagte Wetzel. Untersuchungen, die dies untermauern könnten, gebe es jedoch kaum. Antisemitismus unter Muslimen müsse deshalb beobachtet werden. Aber judenfeindliche Strömungen unter Rechtsextremen oder in der gesellschaftlichen Mitte dürften nicht verharmlost werden.

Holocaust als Thema in Integrationskursen? 

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, bezeichnete den vorgelegten Bericht als "ernüchternde Analyse". Es werde deutlich, "dass wir im Kampf gegen Antisemitismus nicht nachlassen dürfen", erklärte er. Auch der Zentralrat fordert einen Antisemitismusbeauftragten.

Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), unterstützte derweil die Idee Schusters, in Integrationskursen für muslimische Flüchtlinge Besuche in KZ-Gedenkstätten einzurichten. Dies wäre eine "gute Ergänzung", sagte Özoguz den Zeitungen der Funke-Mediengruppe.

"Die Herausforderung ist, Menschen deutsche Geschichte zu vermitteln, die wenig über den Holocaust wissen und von denen viele aus Ländern kommen, in denen Konflikte mit Israel zu pauschalen negativen Ansichten über Juden geführt haben", sagte Özoguz.

Schuster hatte in der "Welt am Sonntag" gefordert, antisemitische Einstellungen in den Integrationskursen zu einem zentralen Thema zu machen. Solche Kurse könnten keine Wunder bewirken. Vielleicht ließe es sich aber einrichten, "dass Kursteilnehmer eine KZ-Gedenkstätte oder ein jüdisches Museum besuchen".

 

(kess/AFP/dpa)
 
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